Solving for Z: Interview mit Zahan Billimoria

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PLSR-Online

Solving for Z: Interview mit Zahan Billimoria

Ihr seid im Backcountry unterwegs? Hohe Berge, tiefer Powder? Dann ist Patagonias neue Doku "Solving for Z | A Calculus of Risk" absolutes Pflichtprogramm für euch. Zusätzlich gibt's bei uns ein exklusives Interview mit Bergführer Zahan Billimoria.

Aufgewachsen bist du nicht in einem klassischen Skigebiet. Wie bist du also in Jackson Hole gelandet und wie war es, dorthin zu ziehen?

Zahan: Ich bin in der Schweiz aufgewachsen und dann an die Nordküste von Boston gezogen – dort bin ich zur Schule gegangen, ich war also schon vier Jahre in den USA. Nachdem ich ein paar Jahre in Boston gearbeitet und geheiratet hatte, zogen Kim und ich gemeinsam nach Jackson Hole. Ich denke, dass der Umzug mit einer Partnerin hierher meine Erfahrung wirklich beeinflusst hat, wir waren bereit, eine Familie zu gründen. Die ersten sechs Monate lebten wir in unserem Pick-up-Truck und reisten durch die Gegend; wir tauchten wirklich in die Berge ein, und dann brach der Winter ein. Wir zogen auf die andere Seite des Teton Passes, in einen wirklich kleinen Ort. Dort fanden wir eine eng miteinander verbundene Gemeinschaft, in die wir uns verliebten. Ursprünglich sollte es eine kleine Auszeit von unserem schnelllebigen Alltag an der Ostküste sein, aber die Gemeinschaft, die Menschen und die Lebensweise, hat uns hier gehalten.

Die Realität ist, dass 95% deines Trainings darin besteht, in die Berge einzutauchen.
Zahan Billimoria

Wie war dein Werdegang zum Bergführer – wenn man bedenkt, dass du keinen entsprechenden Hintergrund hast und auch nicht aus einer Bergregion kommst?

Mein Weg zu diesem Beruf war ungewöhnlich, weil ich schon sehr früh im Leben Kinder hatte. Normalerweise muss man seinen Terminkalender für etwa 15 Jahre freimachen, damit man einfach in die Berge eintauchen kann, Erfahrungen sammelt und dann seine Ausbildung beginnt. Das habe ich auch gemacht, aber dabei war ich gleichzeitig mitten in der Kindererziehung. Obwohl ich schon in meinen 20ern mit dem Bergführen begann, habe ich erst deutlich später angefangen, den Beruf in Vollzeit auszuüben. In der Zwischenzeit musste ich mehrere andere Berufe ausüben, denn ich musste Essen auf den Tisch bringen, für ein stabiles Leben zu Hause sorgen und gleichzeitig meinen Traum verfolgen, Bergführer zu sein und die ganze Zeit in den Bergen zu verbringen. Das Leben als Bergführer mag vielen Leuten als rätselhaft erscheinen, die sich dann fragen: Wie kann man das beruflich machen? Wo sollte man überhaupt anfangen? Die Realität ist, dass 95% deines Trainings darin besteht, in die Berge einzutauchen. Einen Job als Bergführer zu bekommen, darf man nicht erzwingen wollen. Das braucht seine Zeit. Und in den USA unterscheidet sich der Weg dorthin in vielerlei Hinsicht von dem in Europa ...

Warum ist das so?

In den USA muss man sich größtenteils von einer Bergführer-Agentur anheuern lassen, während das in Europa optional ist – aber man bleibt unabhängig und kann sogar in andere Länder reisen und als Einzelkämpfer arbeiten. Ich denke, dass beide Programme ihre Vor- und Nachteile haben. Aber eines der Dinge, die in den USA – und auch in meiner Community hier – eine ganz große Bedeutung hat, ist die Idee des Mentorings. Die Weitergabe von Generation zu Generation, nicht nur der Techniken, sondern auch der Denkweise und einer Kultur rund um das Bergführen. Meiner Erfahrung nach ist dieses Konzept nirgendwo stärker ausgeprägt als hier – mit der Tradition des Bergführens in den Tetons. Es ist sehr bereichernd, es ist hoch angesehen und für mich ist es etwas ganz Besonderes. Ich sehe, wie meine Kollegen und Mentoren mit den Legenden, die vor ihnen kamen, verbunden waren: Alex Lowe, Kim Schmitz bis hin zu Glenn Exum.

Warum ist das Mentoring für dich so wichtig?

Zum Teil deshalb, weil sowohl der Schützling als auch der Mentor wissen, dass der Weg, den sie beschreiten, an sich schon gefährlich ist. Es gibt kein Flughandbuch, um in dieser Welt zu navigieren, oder eine perfekte Checkliste mit Dingen, die man zu seinem Schutz tun kann. Beim Mentoring geht es um die Beurteilung und Verarbeitung von Momenten, in denen die Dinge schief gehen. In solchen Situationen profitiert man enorm davon, wenn jemand zur Seite steht und sagen kann: „Das habe ich auch schon erlebt und dabei habe ich diesen Fehler gemacht.“ Das ist es, worum es mir bei „Solving for Z“ [Link einfügen] geht – die Vorstellung zu durchbrechen, dass es diese Klasse von Leuten gibt, die an der Spitze stehen, Bergführer genannt, und die alles im Griff haben.

Im Film gehst du auf die Themen Risiko und Trauer ein. Wie gehst du im Alltag mit dem Wissen um die Risiken für dich und die Menschen, mit denen du arbeitest, um?

Das Tolle – und auch das Schreckliche – am Leben in den Bergen ist, dass man sich sein Risiko weitgehend selbst aussucht. Die Leute sind sehr daran interessiert zu hören, was mein nächster Schritt ist und wie viel Risiko ich weiterhin eingehen werde. Und die Wahrheit ist: Ich weiß es nicht. Es kann eine Zeit in deinem Leben kommen, in der dir das Risiko plötzlich nicht mehr richtig zu sein scheint. Mein frühester Mentor sagte immer, man solle einen Plan B haben, etwas am Horizont, das es einem erlaubt, nach dem Bergführen weiterzumachen. Du musst auf dein Bauchgefühl hören und frei sein, dich davon zu lösen, wenn die Zeit gekommen ist.

Wie wirkt sich die Klimakrise auf deine Arbeit in den Tetons aus?

Ich bin in Chamonix mit dem Klettern aufgewachsen und habe daher aus erster Hand gesehen, wie die Region den Klimawandel erlebt hat, und zwar auf eine Art und Weise, die ich sonst nirgendwo auf der Welt gesehen habe. In den Tetons gibt es keine vergletscherte Umgebung, daher ist es sehr stark von der Jahreszeit abhängig. Für mich ist der Klimawandel aus einer breiteren menschlichen und sozialen Perspektive wichtig: die Art und Weise, wie er die Menschen auf diesem Planeten beeinflusst. Menschen, deren Land durch die Folgen des Klimawandels verwüstet ist und die nun unterwegs sind, um sich anderswo ein neues Leben aufzubauen, weil der Teil des Planeten, auf dem sie vorher gelebt haben, eigentlich nicht mehr bewohnbar ist. Es motiviert mich, wenn ich darüber aus der menschlichen Perspektive nachdenke und nicht, wenn es um weniger Schnee geht.

Die Outdoor-Kultur ist überwiegend ein weißer Raum. War der Mangel an Diversität und Inklusivität etwas, von dem du im Laufe der Jahre betroffen warst?

Seinerzeit hab ich mir, glaube ich, keinen großen Kopf darum gemacht, dass ich die einzige Schwarze Person in der Umgebung und innerhalb der Kulturen war, in denen ich mich bewegen musste, um Bergführer zu werden. Aber es stimmt schon, sie sind alle sehr weiß. Jetzt, als Erwachsener, kann ich auf meine jüngeren Jahre zurückblicken und viele verschiedene Momente registrieren, in denen mir bewusst wurde, dass ich nicht dazugehörte, dass ich nicht hineinpasste. Aber ich glaube, es hat mich nicht so sehr interessiert, ich habe einfach weitergekämpft. Jetzt bin ich in meinen 40ern und interessiere mich viel mehr dafür, wie ich den Weg für die nächste Generation ebne. Das ist für mich eine wirkliche Herzensangelegenheit. Ich sehe absolut, wie schwer die Barrieren für junge POC (people of colour) sind, und ich versuche, herauszufinden, wie ich in meiner kleinen Welt dazu beitragen kann, das zu ändern.

Meine Erfahrung mit der Backcountry-Community ist, dass sie sehr offen und freundlich gegenüber POC ist. Doch das ist nicht die Barriere.
Zahan Billimoria

Was muss deiner Meinung nach in der Wintersportbranche und in der breiteren Gesellschaft passieren, damit sie vielfältiger wird?

Meine Erfahrung mit der Backcountry-Community ist, dass sie sehr offen und freundlich gegenüber POC ist. Doch das ist nicht die Barriere. Der Grund, warum die Leute nicht ins Backcountry gehen, liegt nicht daran, dass die Backcountry-Community ihnen gegenüber ablehnend ist – das ist viel tiefer verwurzelt. Das ist wie wenn man uneingeladen einen Ort des Wohlstands stürmt. Überhaupt nur daran zu denken, so viel Zeit mit einer Freizeitsportart zu verbringen, so viel Geld für die Ausrüstung auszugeben und sich dann noch anzupassen und die Sprache zu sprechen! Es gibt eine große gesellschaftliche Blockade und all diese Barrieren, die es zu überwinden gilt. Wenn man dort oben ankommt, ist man zwar willkommen, aber wie soll ich den Berg erklimmen, um überhaupt dorthin zu gelangen?

Die Menschen, die meiner Meinung nach die sinnvollste Arbeit leisten, sind diejenigen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. In meiner Gemeinde gibt es eine großartige Organisation, die „The Croom Foundation“ [Link einfügen]. Die gibt es schon seit über einem Jahrzehnt. Sie begannen damit, Kids mit lateinamerikanischer Herkunft in Fußballprogramme zu bringen und sie an das Skifahren heranzuführen – um sie auszurüsten und ihnen eine gute Zeit auf dem Berg zu bieten. Wenn man ihnen das Gefühl gibt, auf Skiern und in der kalten Umgebung zu Hause zu sein, dann haben sie einen Weg, das Skifahren zu erleben. Ich möchte wirklich ein Teil davon sein, solche Dinge zu unterstützen.

Wie werden sich deiner Meinung nach die Dinge in der nahen Zukunft verändern?

Die Art und Weise, wie wir uns in den Bergen bewegen, wurde von weißen Menschen und von der weißen Kultur geprägt. Wenn die afro-amerikanische Community oder die lateinamerikanische Community oder die asiatische Community beginnen, ihren Weg in die Berge zu finden, verändert das alles. Auch wenn ich in der Schweiz aufgewachsen bin, sehe ich die Welt durch meine Hautfarbe, meine Leute, die Musik und den Vibe, also wird das Ganze anders sein. Wenn diese Sportarten vielfältiger werden sollen, dann sollte man nicht nur POC erwarten, sondern verschiedene Kulturen, die eine sehr weiß geprägte Kultur bereichern werden.

Mit der Zeit wird die Kultur rund um diese Sportarten mehr kulturelle Stimmen repräsentieren. Das heißt aber nicht, dass sich alles ändern muss. Die Realität ist, dass die meisten POC Communities aus dem städtischen Umfeld kommen. Wenn also immer mehr Menschen den Raum in den Bergen teilen wollen, müssen wir Wege finden, um zusammenzuarbeiten und zu kommunizieren. Mit People of Color kommt die Kultur.

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