Review: The Fourth Phase

Erschienen in
Stefan Götschl

Review: The Fourth Phase

Travis Rice ist das Superlativ der Snowboardwelt. Mit „That’s It, That’s All“ (2008) und „The Art of Flight“ (2011) schrieb er Geschichte. Am vergangenen Sonntag landete sein dritter Streich nun auch in Deutschland: The Fourth Phase. Vier Jahre Produktionszeit, etliche Millionen Dollar Budget, eine Armee von Filmern und Produzenten sowie eine Auswahl der weltweit besten Snowboarder. Die Erwartungen waren dementsprechend gigantisch.

DIE IDEE

Die Zahl der Snowboardfilme ist endlos. Das Konzept ist dabei meist ähnlich. Auf der Suche nach dem besten Schnee und dem krassesten Spot reisen Fahrer, Filmer und Fotografen eine Saison lang von Location zu Location und versuchen, möglichst heftige Tricks in den Kasten zu bringen. Während der Sommermonate schleicht man sich in den Schnittkeller, verwandelt die besten Shots in einzelne Parts und reiht diese schließlich in chronologischer Reihenfolge zu einem ungefähr 30-minütigen Filmtitel aneinander. Was funktioniert, wird in periodischen Abständen aus der Kiste gepackt, entstaubt, neu angestrichen und aufpoliert. Spots und Erzählprinzip bleiben dabei oft identisch. Nicht unbedingt bahnbrechend innovativ, jedoch ein altbewährter Status Quo, der für viele gut funktioniert. Selbstverständlich aber nicht für Travis Rice. Für The Fourth Phase setzte er es sich nicht nur zum Ziel, bombastische Aufnahmen auf die Leinwand zu bringen, sondern dem nordpazifischen Wasserstrom zu folgen, der für Wetter und Schnee verantwortlich ist, und den vierten Aggregatszustand von Wasser zu erforschen. So weit die Theorie. Dass in der Praxis eben jener Kreislauf die Crew durch die spektakulärsten Powderhänge der USA, Japans, Alaskas und Russlands pflügen lies, war ein angenehmer Nebeneffekt.

DAS SNOWBOARDEN

Wie schon der Vorgänger „The Art of Flight“ ist „The Fourth Phase“ kein klassischer Snowboardfilm. Vielmehr ist Travis’ neues Werk ein Film, der unter anderem auch Snowboarden auf teilweise unfassbarem Niveau zeigt. Tree-Runs und hochalpine Lines in Japan, die obligatorische Backcountry-Kicker-Session in Wyoming, unerforschtes Terrain in Russland und ein Alaska-Face, das Travis seit Jahren schlaflose Nächte bereitete. Neben atemberaubenden Naturaufnahmen und der typisch TRice-Philosophiestunde bietet „The Fourth Phase“ immer noch eine solide Ladung Vollgas. Bestes Beispiel dafür ist der Alaska-Part, in dem ausgerechnet der momentan fast sponsorlose Eric Jackson dem Adjektiv „ballern“ eine neue Bedeutung schenkt. Donnernde Techno-Beats, der dazu passende hypnotisierende Schnitt sowie Travis und Ejack ist Bestform. Footage, die nicht nur den Unterkiefer des Autors dieser Zeilen auf den Boden der Popcorntüte beförderte. Und auch sonst ist die generelle Auswahl der Fahrer sehr gelungen. Neben langjährigen Weggefährten wie Mark Landvik, Bryan Iguchi und Pat Moore bekamen ebenfalls aufstrebende Typen wie Ben Ferguson oder Victor De Le Rue die Chance, ein Teil des Projekts zu sein.

DAS ERGEBNIS

In einer Zeit, in der wir täglich mit unzähligen Drei-Minuten-Videos überflutet werden, waren die Erwartungen an The Fourth Phase enorm. Nicht wenige erhofften sich einen Film, der „anders“ ist. Anders als all die allgegenwärtige Inhaltsflut, die nach wenigen Stunden schon wieder im Abfluss der Belanglosigkeiten verschwindet. Kein anderer Snowboarder hat Zugriff auf derart immense finanzielle, personelle und zeitliche Ressourcen. Während andere Produktionen mit einem Zeitfenster von 12 Monaten arbeiten müssen, konnten sich Travis, Brain Farm und die Red-Bull-Media-House-Crew den Luxus von 48 Monaten erlauben. Die Vorrausetzungen stimmten somit ... doch wie sieht’s mit der Umsetzung aus?

Für einen Großteil der 90 Minuten Laufzeit erinnert das neue Filmepos von Brain Farm und Red Bull an „The Art of Flight 2.0“. Epische Landschaftsaufnahmen, Snowboarden aus einer anderen Welt und die gewohnten Voiceovers mit jeder Menge Pathos. Bis dahin könnte man „The Fourth Phase“ als das Herr der Ringe für actionbegeisterte Schneefreunde bezeichnen: Mark Landvik und Bryan Iguchi agieren als Hobbits, die ihrem Freund und Waghals fast immer zur Seite stehen. Travis hingegen ist auf der Suche nach sich selbst und der „vierten Phase“, eben jener Idee, die zwar als roter Faden dient, im Laufe des Films letztendlich jedoch nur oberflächlich erforscht wird.

Der Punkt, an dem sich The Fourth Phase von seinen Vorgängern unterscheidet, zeigt sich erst gegen Ende des Films, als Travis plötzlich von einer massiven Lawine mehrere hundert Höhenmeter den Hang hinuntergeschleudert wird und wie durch ein Wunder überlebt. Die folgenden Minuten sind beklemmend und machen schnell klar, warum Travis vor der Premiere den Film als „Resultat einer Serie von Fehlern“ beschrieb. Doch eben jene Aufnahmen zeichnen auch ein Bild von ihm, das bisher noch weitgehend unbekannt war. Mit einer gehörigen Portion Demut demonstriert „“The Fourth Phase“, dass sich auch in der oft so unwirklich wirkenden Welt von Übermensch Travis Rice nicht alles um frischen Powder und strahlenden Sonnenschein handelt. Scheitern ist ein Teil des Erfolgs. Auch für Travis Rice.

ALSO: ANSCHAUEN? JA? NEIN?

Spoiler: Travis Rice wird auch in dieser Saison nicht die Herzen aller Core-Snowboarder erobern. Zu wenig Snowboarden, zu viel Hintergrundstory, zu viele Brauselogos, zu viele Helis, die zu viele Helis filmen. Haben wir alle schon mal gehört, müssen wir nicht weiter erörtern. Wer auf heftiges Snowboarden in traditioneller Präsentationsweise steht, checkt die zahlreichen Alternativen à la Absinthe, Transworld und Videograss. Wer jedoch Bock auf gestochen scharfe Bilder, Pow-Sprays mit Dolby-Atmos-Sound und extremes Snowboarden in extremer Landschaft hat, freut sich schon jetzt auf den Kino-Release am 3. Oktober. „The Fourth Phase“ ist mit 90 Minuten zwar lang, langweilt jedoch keine Sekunde. Ist es der perfekte Abschluss einer schon jetzt unglaublich erfolgreichen Trilogie? Vermutlich nicht. Schafft es Travis mit seinem neuen Werk erneut, Snowboarden auf eine authentische Weise über den Tellerrand hinauszutragen? Definitiv.

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Alle weiteren Infos gibt's unter www.thefourthphase.com. Die Online-Premiere steigt am 2. Oktober auf Red Bull TV.

Transitions – das sind die Übergänge zwischen Zuständen und Momenten, die sich aneinanderreihen zu Eindrücken und Ereignissen, die zu Erinnerungen werden und zu Erfahrungen kumulieren. Transitions – das sind die Wege, auf denen sich Veränderungen abspielen. Pleasure Ausgabe 132 widmet sich eben jenen Transitions. Viel Spaß damit.