Print ist tot. Lang lebe Print.

Erschienen in
Stefan Götschl

Print ist tot. Lang lebe Print.

Das Internet, Scharfrichter aller Printpublikationen. Print ist tot. Mausetot. Hat damals schon Harold Ramis im Kultfilm „Ghostbusters“ gesagt. Aber warte. Es geht doch nichts über ein gemütliches Sonntag-Morgen-Frühstück mit Kaffee, Croissant und dem Geruch von frisch gedrucktem Papier. Richtig? Lang lebe Print! Na, was jetzt?

Als Online-Redakteur habe ich die Diskussion „Print vs. Online“ in den letzten Jahren stets interessiert verfolgt. Anhänger aus der „Print ist tot“-Ecke prophezeien den Untergang sämtlicher Druckerzeugnisse seit einer gefühlten Ewigkeit. Maximal ein Jahr noch, dann is’ es aber auch wirklich gut. Rest in Peace, Druckerpressen, wir marschieren in eine papierlose Welt. Unsere Freunde der Print-Anhängerschaft lassen dies natürlich nicht auf sich sitzen und kontern mit schlagkräftigen Thesen wie „Das Internet ruiniert unseren Qualitätsjournalismus“, „Blogger sind keine Journalisten“ und — ganz wichtig — der Geruch von frisch gedrucktem Papier ist das Beste seit der Erfindung von geschnitten Brot. Mindestens. Das gleiche Spiel in der Dauerschleife.

Das Ende einer Ära

Auch in der Snowboardindustrie wird stets und gerne über dieses Thema debattiert. Heftiger als je zuvor im vergangenen März, als Factory Media — der Konzern hinter Magazinen wie Onboard, SnowboarderMBM, Whitelines und Kingpin — mal eben sämtliche Printpublikationen einstampfen ließ. 150 Ausgaben Onboard, 120 Ausgaben Whitelines, 184 Ausgaben MBM. Das Ende einer Ära — mit dementsprechenden Aufschrei. Der Beweis, dass die Online-Ultras schlussendlich doch richtig liegen? Haben wir es knapp 600 Jahre nach Gutenberg und seiner revolutionärem Erfindung des Druckverfahrens wirklich geschafft, Print ins Grab hinunterzulassen?

In der damaligen Pressemitteilung zu Factory Medias Print-Massaker schrieb CEO Darryl Newton, dass der Schritt, sich in Zukunft auf diejenigen Unternehmensbereiche zu konzentrieren, die aktuell eine beispiellose Nachfrage erfahren, nur logisch sei. Alleine im letzten Jahr sah Factory Media einen Anstieg von über 200 Prozent in ihren Online-Brand-Aktivitäten und auch die Werbeeinnahmen stiegen um 25 Prozent. Den Printbereich einzustellen, sei zwar ein emotionaler Schritt für alle Beteiligten, aber es würde auch eine enorme Möglichkeit mit sich bringen: Die Möglichkeit, im World Wide Web eine noch signifikant größere Zielgruppe zu erreichen.

Stichwort in Newtons Begründung: Logisch. Eine logische Entscheidung. Ein logischer Schritt. In der Tat, für Factory Media war es ein logischer Schritt, die Print-Publikationen einzustellen. Die Mutterfirma hinter Onboard & Co. muss sich an Zahlen messen lassen. Online steigt, Print sinkt. Logisch. Wachstum ist King. Skalierbarkeit ist das A und O. Sagen doch auch die gefeierten Startup-Rockstars in Silicon Valley. Auf dem Blatt stand, dass Factory Media in Zukunft vermutlich mehr Geld mit ihren Onlineplattformen als mit ihren Printmagazin verdienen  kann. Dass das Ganze nicht wirklich dem idealistisch angehauchten Gedankengut einiger Leser/Redakteure entspricht, steht auf einem anderen Blatt Papier.

Der Beweis: Print ist tot?

Bullshit. Zwar lässt sich in Zeiten von Pageview-Journalismus und Click-Bait-Exzessen jede Menge Kohle verdienen, das heißt aber noch lange nicht, dass das Eine (Online) das Andere (Print) ausschließt. Ganz im Gegenteil: Herausgeber von Printpublikationen haben mit der endlosen Anzahl an Online-Angeboten „Konkurrenz“ bekommen. Zugegeben: Konkurrenz, die einem teilweise ordentlich auf den Sack geht. Konkurrenz, die ordentlich Feuer unter dem sonst so bequemen Bürothron macht. Aber muss das automatisch schlecht sein? Konkurrenz bedeutet Wettbewerb. Wettbewerb bedeutet, dass ich mir überlegen muss, wie ich meine Inhalte positiv vom Rest unterscheide. Was sind meine Vorteile? Im Bezug auf Printmedien sind diese offensichtlich: Die Möglichkeit, kreativ mit Bildern, Texten und Grafiken zu arbeiten. Die Möglichkeit, hochwertig und verschiedenartiges Papier zu verwenden. Die Möglichkeit, ein physisches Element zu erschaffen. Ein Element, das Inhalt einzigartig transportiert. Ein Element, das man besitzen möchte. Printmedien können mehr als „nur“ ein einfaches Magazin sein. Werfen wir doch mal einen Blick auf das gute alte Pleasure Snowboard Magazin. Seit einer gefühlten Ewigkeit bin ich Abonnent dieses Magazins. Noch nie war ich davon überzeugter, als seit der letzten Saison. Seit dem letzten Winter folgt Pleasure einem neuen Ansatz: Neues Design, neues Konzept, andere inhaltliche Herangehensweisen. Um in unserer schnelllebigen Welt überleben zu können, musste man sich verändern, und mit Veränderung kam Fortschritt. Die neue Konkurrenz aus dem Internet trug dazu mit Sicherheit seinen Teil bei.

Sämtliche Vorteile aufzuzählen, die das Internet mit sich bringt, würde die Länge dieses Artikels sprengen. Heutzutage hat nahezu jeder die Chance, mit seiner Kunst bzw. seiner „Message“ eine von ihm gewünschte Zielgruppe zu erreichen. Vor einigen Jahren war dies noch das Privileg einer sehr kleinen Gruppe. Egal ob Fotograf, Filmer, Musiker oder Schriftsteller — das Internet bietet dir eine Bühne. Du musst sie nur richtig zu nutzen wissen.

Doch auch Print kommt mit dem ein oder anderen Vorteil. Einer davon ist ohne Frage die Finanzierung. Ein Thema, das lange nicht so sexy wie die schon genannten kreativen Aspekte ist. Doch am Ende des Monats müssen sich eben auch Medien finanzieren. Der Käufer/Abonnent eines Printmagazins zahlt einen festen Betrag und bekommt dafür ein physisches Produkt, das Inhalte transportiert, für die er sich (hoffentlich) interessiert. Optimalerweise sieht das Ganze auch noch hübsch im Regal oder auf dem Couchtisch aus. Im Web hingegen wird für einzelne Information gezahlt. Wenn überhaupt. Das mag für das ein oder andere Massenmedium funktionieren, in Nischenbereichen wie der Snowboardwelt reicht dies jedoch schlichtweg nicht aus. Wer im Internet Geld verdienen will, braucht Reichweite. Die Formel dafür ist simpel: Viel Reichweite + viel Werbung = viel Kohle. Das Problem daran: Nur allzu oft ist das Ergebnis davon der schon genannte Pageview-Journalismus und Click-Bait-Exzess. Denn wenn Zahlen die höchste Priorität sind, wird oftmals das publiziert, was geklickt wird. Nicht das, was als „richtig und wichtig" empfunden wird. Also Schweine ,die GoPros fressen, durch Lawinen sprintende Hasen und Pferde, die im Powder feststecken. Leider.

Einfach mal „fertig“ sein

Neben der Finanzierung und den kreativen Gestaltungsmöglichkeiten bietet Print jedoch auch noch einen weiteren Vorteil: Egal ob es sich um unser Lieblingsmagazin oder ein gutes Buch handelt — Printpublikationen haben einen Anfang und ein Ende. Seite eins bis Seite X. Eine massiv unterschätzte Konzentrationshilfe. Einfach mal „fertig“ zu sein ist in unserer vor Informationsüberfluss nur so strotzenden Welt von Zeit zu Zeit ein verdammt gutes Gefühl. Ein Gefühl, das die digitale Welt leider nicht allzu oft mit sich bringt. Facebook, Twitter, Blogs – irgendein Link findet sich immer. Da ist es ab und an ganz angenehm, einen Text zu lesen, der mehr als nur einen Klick weit weg vom nächsten Porno existiert.

Print gegen Online, Online gegen Print. Eine Diskussion, die im Grunde müßig ist. Print ist nicht besser als Online. Online ist nicht besser als Print. Beide haben Vorteile, beide haben Nachteile. Warum also die beiden gegeneinander ausspielen? Wer schlau ist, nutzt die Vorteile des Einen dazu, die Nachteile des Anderen auszugleichen. Eine Kombo, die in den letzten Jahren schon etliche Publikationen angewendet haben und mittlerweile die Früchte des Erfolgs ernten. Denn sind wir doch ehrlich: Nichts geht über ein gemütliches Sonntags-Morgen-Frühstück mit Kaffee, Croissant, dem Geruch von frisch gedrucktem Papier und einer anschließenden Smartphone-Session während dem obligatorischen ... naja, ihr wisst schon.

In diesem Sinne: Print ist tot, lange lebe Print!

Das Pleasure Product Special steht in der Saison 2018/19 ganz unter dem Motto „dein“ Snowboarden. 212 Seiten voller Boards, Boots, Bindungen, Outerwear, Goggles, Accessoires und allem, was ihr wissen müsst, um „euer“ Snowboarden zu definieren und mit dem perfekten Brett eure Komfort-Zone zu erweitern. Egal ob Anfänger oder Pro, seid kritisch, seid interessiert, genießt die beste Zeit des Jahres am Berg und findet „euer“ Snowboarden.