Hypocrisia: Alex Tank im Interview

Erschienen in
Christian Öfner

Hypocrisia: Alex Tank im Interview

Alex Tank kommt aus dem Allgäu, wohnt in München, fährt gut Snowboard, vertreibt sich die Freizeit immer wieder auf dem Skateboard und trinkt gerne Bier. So weit so gut, so weit recht typisch für die Snowboardwelt. Aber da geht mehr. Außerdem interessiert er sich für Psychologie, liest am See auch mal Nietzsche und dient als angenehmer Gesprächspartner, wenn das Thema über „Boah, geil Saufen“ hinausgehen soll. Ein Glück, dass sich der adidas- und Stepchild-Teamfahrer darüberhinaus fürs Filmwesen interessiert, denn sonst müsste die Snowboardwelt auf diverse sehr ansehnliche Clips verzichten, die mit dem typischen Look des gängigen Einheitsbreis massiv brechen. Wir haben uns mit Alex über Snowboarden und seinen neuen Clip Hypocrisia unterhalten.

Was ist an Snowboarden so richtig gut?

Hmm. Die körperliche Betätigung (lacht). Dass es eigentlich ohne Coaches und Vorgaben auskommt. Eine ziemliche Klischeeantwort, aber ich glaube nicht, da irgendetwas neuerfinden zu können.

Hypocrisia, der Titel deines Videos, spielt mit dem Thema Scheinheiligkeit. Steckt in Snowboarden so viel davon, dass du deinen Film danach benennen musstest?

Vor allem geht es um eine Phase, in der ich mich gerade befinde. Da geht es auch um Doppelmoral und dass man dieser nicht entkommen kann, auch wenn man es oft besser wüsste.
Was Snowboarden angeht, ist das so eine Sache. Stets wird der Freiheitsgedanke propagiert und Snowboarden soll immer noch irgendwie Rebellion sein, aber das ist es halt oftmals überhaupt nicht. Snowboarden funktioniert genauso nach Trends und ungeschriebenen Regeln.

Sollte Snowboarden rebellisch sein?

Nein. Muss es nicht. Das kommt ganz darauf, wie man das für sich selbst sieht. Niemand muss ein Rebell sein, um Spaß am Snowboarden zu haben. Gar nicht.
Ich persönlich finde es allerdings interessant, bin damit aufgewachsen und werde nach wie vor davon inspiriert und geprägt. Diese gewisse Antihaltung, für die Snowboarden eben auch stehen kann, fand ich immer schon ganz gut.

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Bist du gerne „anti“?

Manchmal.

Was ist so richtig scheiße?

Allgemein ... was ich richtig, richtig, richtig scheiße finde, ist Gewalt. Das find ich richtig, richtig scheiße.

Und im Snowboarden?

Keine Ahnung. Vielleicht, dass man im Snowboarden immer versucht, alles in metrische Daten zu fassen, um eine Rangliste zu schaffen. Aber das funktioniert für einen so komplexen Sport wie Snowboarden einfach nicht.

Snowboarden bietet so viele Möglichkeiten sich auszuleben, ohne dabei ständig von jemandem überholt zu werden.

Du hast ein relativ klar definiertes Snowboardwertesystem. Es gibt Dinge, die findest du richtig gut. Andere Aspekte findest du kacke. Contest-Fahrer, die sich per Backside Rodeo auf Downrails werfen, zählen zu Kategorie Nummer 2. Was stört dich an diesem athletischen Ansatz?

Ich frag mich ... nein, anders rum: Ich hab einen Heiden Respekt vor der sportlichen Leistung. Was die da anstellen – das muss klar gesagt werden – das ist großes Kino. Triples, Quadruples ... für mich ist das alles sehr schnelllebig und ohne Horizont angelegt. In dieser Welt geht es nur darum, eins besser als der Rest zu sein. Wenn das nicht mehr geht, ist alles schnell vorbei und man ist weg. Snowboarden – vor allem im filmerischen Bereich – bietet so viele Möglichkeiten sich auszuleben, ohne dabei ständig von irgendjemandem überholt zu werden.

„Besser“ kann sich auch als kreativer, cooler, lustiger, etc. auswirken. Ist irgendeine Art von besser nicht immer auch die Berechtigung, Pro zu sein?

Ich kann mit den beiden Wörtern besser und schlechter nichts anfangen. Mir geht’s vor allem darum, inspirierend zu sein. Das kann auch ein mit Rodeo aufs Rail fliegender Seb Toutant sein. In Anbetracht der Masse, die ihm auf Instagram und Facebook folgen, ist das auch so. Nur für mich persönlich nicht. Nicht alles muss vergleichbar oder bewertbar sein. Snowboarden ist nicht Fußball und keine Leichtathletik, sondern bietet sehr viele andere Komponenten, die tief ins Künstlerische gehen. Und Kunst kann man nicht bewerten.

Was inspiriert dich?

Im Snowboarden gibt es im Moment – wenn man mal vom Status Quo ausgeht – nicht so wirklich viel, was mich inspiriert. Einige junge Fahrer pflegen einen coolen Ansatz, den ich gut find. Aber sonst kommt viel tatsächlich aus dem Skateboarden oder dem Surfen ... vor allem was die Filmproduktionen angeht. Statt einfach nur auf eine Erfolgsgeschichte hinzuweisen, steht oft das Image und die Geschichte dahinter im Mittelpunkt. Stichwort: Dinge kreieren statt Triples auf einer Sportstädte schmeißen.

Das einzige Problem, das ich mit der Snowboardwelt ab und zu habe, sind die ungeschriebenen Regeln über was cool ist und was nicht.

Dein Riding ist oft sehr verspielt und dein Videopart extrem detailverliebt. Du legst großen Wert darauf, Dinge in einen Kontext zu stellen. Würdest du dich als reflektierten Menschen bezeichnen?

Wow, das ist ein großes Ding. Wahrscheinlich würde jeder Mensch von sich behaupten, reflektiert zu sein. Beurteilen müssen das allerdings immer die anderen. Aber ja, Ich gebe auf jeden Fall mein Bestes in der Hinsicht.

Fehlt es vielen Snowboard-Pros an einer Portion Reflektiertheit? Einfach mal tatsächlich „outside the box“ zu denken, anstatt es einfach nur zu sagen?

Trends kommen und gehen. Niemand ist gefeit davor, ob bewusst oder ungewollt. Dieses „outside the box“-Denken ist auch überholt. Jeder soll machen, was er fühlt und was einen selbst am besten zeichnet, anstatt Dingen nachzueifern, um cool zu sein. Das einzige Problem, das ich mit der Snowboardwelt ab und zu habe, sind die ungeschriebenen Regeln über was cool ist und was nicht. Und dass diesen Regeln jeder hinterherrennt.
Snowboarden war immer ein Treffpunkt von Leuten, die eigene Ideen hatten und eben nicht angepasst waren. Das fehlt gerade so ein bisschen, weil alles etwas zu sehr angepasst ist. Schwierig. Alles, sehr schwierig. (lacht)

Dein gerade erschienener Clip ist zum Glück alles andere als schwierig. Lass uns darüber reden. Die letzte Saison war deine erste komplette auf adidas. Woran merkt man, eine Liga aufgestiegen zu sein?

Auch wenn ich in keine große Filmproduktion eingekauft wurde, war auf jeden Fall ein Unterschied zu spüren. Man hat mir offen gelassen, wie ich den Winter angehe. Am natürlichsten hat sich angefühlt, dass ich einen eigenen Filmer bekomme und realisieren kann, worauf ich Lust habe. Leider habe ich dabei nicht so weit gedacht, dass es beim Filmen ziemlich von Vorteil sein kann, eine größere Crew zu sein. Vor allem wenn man das Bungee-Seil ziehen muss. (lacht). Aber es war schon auch ziemlich geil, zu zweit mit Elmar Bossard unterwegs zu sein. Erst recht, weil wir das gleichen wollten und ich mich immer auf ihn verlassen konnte. Der größte Unterschied zu den Vorjahren war das Gefühl von ... ich will nicht Druck sagen ... aber einer gewissen Erwartungshaltung an einen. Ich wusste, dass man von mir erwartet, dass ich Gas geben soll.

Es gibt Leute, die brauchen Druck und Anreize, um zu funktionieren.

Die gibt es auch. Wenn ich mich zu etwas einlasse, will ich aus Prinzip das Beste herausholen. Da geht es eher um den Anspruch an mich selbst, als dass ich mich von außen irritieren lasse.

Arbeitest du unter Druck besser oder schlechter?

Schlechter! Oder sagen wir so: Druck, den ich mir selbst mache, hilft. Kommt er von außen, wird’s definitiv schlechter. Darum bin ich auch nicht Contests gefahren.

Wie viel Stress kommt auf, wenn man zum ersten Mal mit arrivierten Typen wie Louif Paradis am Spot steht und davon ausgehen muss, das der jetzt gleich irgendwas noch nie dagewesenes rauslässt?

Klar ist man da nervös. Ich kenne Lou zwar schon etwas länger, aber war letztes Jahr zum ersten Mal aktiv mit ihm am Filmen. Zu Beginn kommt’s schon mal vor, dass man abwartend zuschaut, bevor man selbst eingreift. Aber das Coole an ihm ist seine extrem ergebnisorientierte Herangehensweise. Da wird von der gesamten Crew alles dafür gemacht, dass der eine Fahrer den Shot bekommt. Jeder greift zur Schaufel und hilft sich gegenseitig.

Ist dieser Tatendrang der Unterschied zwischen wirklich erfolgreichen Snowboarden und ewigen Talenten?

Kann gut sein. Die Tage danach haben wir mit den Déjà-vu-Jungs verbracht: genau das gleiche Bild. Jeder arbeitet für jeden. Hat ein Fahrer eine Idee, wird alles gemacht, damit ihm der Trick auch gelingt. So schnell kann man gar nicht schauen, bis da ein Loch in der Landung wieder aufgefüllt ist. Nur so kann wirklich produktiv sein. Das ist eine ganz andere Art von arbeiten, als bei manchen Leuten, die glauben, ganz schön cool zu sein.

Mit welchem Plan bist du in die Saison gegangen und gab es ein konkretes Konzept für den Film?

Wie die Nummer visuell ungefähr aussehen sollte, stand bereits davor im Raum. Im Grunde wussten wir, dass es ein Street-Clip werden soll. Dennoch geht man natürlich offen durch die Saison und wir haben auch ein wenig Powder in Laax gefilmt. Aber am Ende haben wir uns entschieden, die Footage nicht reinzunehmen, weil zwei gute Pow-Shots unter all den Street-Shots zusammenhangslos wirken.

Schreibst du Tricklisten zum abarbeiten?

Nein. Mein Snowboarden passiert viel spontaner. Ich wünschte mir manchmal, dass ich eine Liste hätte und müsste dann nur noch das passende Rail für Trick soundso finden. Aber schlussendlich läuft es immer darauf raus, dass man durch die Stadt fährt, nach Spots sucht und sich die Tricks erst vor Ort ergeben. Das ist vielleicht nicht die produktivste Art zu arbeiten, aber sie passt am besten zu mir und es kommt am Ende die Art von Snowboarden raus, die mir am meisten zusagt.

Wenn ich schon irgendwo Full-Part lese, muss ich ... Naja, da sollten die ersten zehn Sekunden schon verdammt geil sein, damit ich nicht weiterklicke.

Wie wichtig ist es generell und wie wichtig es dir, Tricks in ein Gewand zu packen, damit der Film interessant wird?

Ich glaube nicht, dass es da Regeln gibt, die man für einen „guten“ Clip verfolgen muss. Mit einer visuellen Aufarbeitung kann man einen Film aber von der Masse des Einheitsbreis abheben, der im Internet kursiert. Hochwertige Filmproduktionen werden für mich immer spannender bleiben als der 150. GoPro-Clip. Wenn ich schon irgendwo Full-Part lese, muss ich ... Naja, da sollten die ersten zehn Sekunden schon verdammt geil sein, damit ich nicht weiterklicke.

Man merkt heute mehr denn je, dass es eine riesige Diskrepanz zwischen ambitionierten Filmemachern und uninspirierten Laien gibt. Ich bin seit vielen Jahren filmerisch sehr interessiert und halt auch irgendwie Snowboard-Pro und will diese Welten unbedingt bestmöglich kombinieren und vielleicht auch etwas machen, wo eine kleine Aussage dahinter steckt.

Du sprichst von der Dame mit Tennisschläger?

Nein, die ist nur fürs Auge. Das muss ja auch sein.

Transitions – das sind die Übergänge zwischen Zuständen und Momenten, die sich aneinanderreihen zu Eindrücken und Ereignissen, die zu Erinnerungen werden und zu Erfahrungen kumulieren. Transitions – das sind die Wege, auf denen sich Veränderungen abspielen. Pleasure Ausgabe 132 widmet sich eben jenen Transitions. Viel Spaß damit.