Behind the Cover: Aaron Schwartz im Interview

Erschienen in
Stefan Götschl

Behind the Cover: Aaron Schwartz im Interview

Verantwortlich für das Cover des aktuellen Pleasure Product Specials ist Aaron Schwartz. Der gebürtige Kanadier ist seit etwa fünf Jahren in der Schweiz wohnhaft, wo er seine Zelte über den Winter regelmäßig in Laax aufschlägt und sich als Grafiker, Illustrator und Fotograf schnell einen Namen machen konnte. Einen Großteil des diesjährigen Sommers verbrachte der 29-Jährige in Nordamerika. Während seines dreimonatigen Aufenthalts in New York, Vancouver und Los Angeles wurden nicht nur Freunde und Familie besucht, sondern auch an diversen Projekten gearbeitet, unter anderem am Cover für das diesjährige Pleasure Product Special.

Aaron, du bist für das Cover des neuen Pleasure Product Specials verantwortlich. Erzähl doch mal.

Zum ersten Mal mit der Ausgabe beschäftigt habe ich mich in New York, als ich dort meinen Dad und ein paar Freunde besucht habe. Zwar entstand dort noch wenig Konkretes, aber eine Stadt wie New York bietet immer Inspiration. Unterschiedliche Typografien, Straßenschilder, Ausstellungen, Museen ... die ersten Ideen waren geboren und grobe Skizzen auf Papier gezeichnet. Weiter ging es nach Vancouver an die kanadische Westküste, wo ich meine Schwester und weitere Freunde besuchte, und erste konkretere Entwürfe fürs Cover entstanden. Nachdem mich meine Freundin in Vancouver besucht hatte und wir zwei Wochen Ferien genossen hatten, stand als nächstes ein Roadtrip nach Los Angeles auf dem Programm. Mit dem Freund meiner Schwester und seinem Hund fuhren wir innerhalb ein paar Tagen die Küste entlang Richtung Süden nach L.A.. Schon während des Trips wurde die Cover-Idee immer weiter vorangetrieben, bis in Venice dann das erste Design für das finale Layout entstand. Zurück im schweizerischen Chur galt es die mit Bleistift und Fineliner skizzierte Elemente zu scannen, vektorisieren und mit Illustrator zu einem endgültigen Cover reifen zu lassen. Insgesamt drei Monate war ich unterwegs und habe in der Zeit einen knappen Monat on-and-off an dem Cover gearbeitet. Mal im Café, mal bei Freunden auf der Couch, mal „on the road“ oder im Motel. Stets umringt von Menschen, die mir sehr nahe stehen. Daraus entstand mein erstes Cover für Pleasure. Was für ein Trip, in vielerlei Hinsicht.

Aaron Schwartz
Aaron Schwartz
Aaron Schwartz

Du bist in Vancouver geboren, lebst aber momentan in Laax. Wie bist du nach Laax gekommen?

Puh, das ist eine lange Geschichte. Ich bin in Vancouver geboren und lebte dort auch bis ich sechs war. Anschließend folgten zehn Jahre in der Schweiz, dann wieder neun Jahre in Vancouver. Mit Mitte zwanzig bin ich wieder zurück in die Schweiz, arbeitete eine Zeit lang in Chur und Zürich und verbrachte jede Menge Zeit in Laax. Wahrscheinlich wollte ich einfach an einem Ort wohnen, an dem ich möglichst viel Snowboarden kann … und vielleicht auch das “Erwachsen werden” noch etwas herauszögern kann (lacht).

Magst du es, regelmäßig an verschiedenen Orten zu Leben?

Absolut! Der Tempowechsel, die abwechselnden Landschaften, die unterschiedlichen Menschen … all das war und ist immer noch sehr wichtig für mich. Durch den Lebensstil meiner Familie wuchs ich zweisprachig auf und wurde von Anfang an mit verschiedenen Kulturen und Mentalitäten konfrontiert. Außerdem bin ich inmitten der schönsten Landschaften groß geworden! All das hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin, und dafür bin ich sehr dankbar. Mein einziges Problem ist, dass ich Fragen wie "Wo fühlst du dich Zuhause?" bis heute nicht beantworten kann (lacht).

Kevin Backstrom
Aaron Schwartz
Laax

Du hast in Europa und Nordamerika gearbeitet. Was sind die Unterschiede?

Arbeitstechnisch ist die Schweiz definitiv der "sicherere" Ort. Die Lebenserhaltungskosten sind hier in einem besseren Verhältnis zu den Gehältern, was das Leben beständiger und komfortabler macht. Als ich Vancouver verließ, hatte ich zu Beginn einige Problem bei der Arbeitssuche. Vor allem, da ich kurz nach meinem Abschluss von der Kunstakademie nur eingeschränkte Erfahrung als Grafikdesigner hatte. Ich hatte zwar einige Jobangebote, aber das meiste waren unbezahlte Praktika. Die Angebote aus der Schweiz waren auch nicht sehr gut bezahlt, aber wenigstens kontrollierbar. Die Entscheidung, zurück in die Schweiz zu gehen, fiel mir daher nicht allzu schwer. Einfach versuchen, dachte ich mir. Wie so oft hat sich eine Portion Risiko ausgezahlt.

Unterscheiden sich die beiden Kulturen auch abseits der Arbeitswelt?

Die Menschen im pazifischen Nordwesten haben eine sehr entspannte Lebenseinstellung. Die Schweizer tendieren teilweise dazu, etwas verkrampft zu sein. Aber ehrlich gesagt unterscheiden sich Europa und Nordamerika nicht allzu sehr, was den "Lifestyle" angeht. Wenn ich mal von meinem extraordinären Käse- und Schokoladenverzehr absehe, mach ich in der Schweiz eigentlich das Selbe, was ich auch schon in Vancouver gemacht habe.

Nicholas Wolken
Aaron Schwartz

Weißt du noch, wer dir deine erste Kamera in die Hand gedrückt hat?

Die typisch romantische Fotografenstory gibt es bei mir nicht. Während meiner Highschoolzeit habe ich mir eine 35mm Olympus gekauft. Ein Jahr später bekam ich noch eine Nikon FG. Anfangs schoss ich größtenteils Fotos auf Punk-Rock-Konzerten in Vancouver und fotografierte alles, was in meinem Umfeld passierte. Das Stadtleben, meine Freunde beim Skaten, die Klassiker eben. In den darauffolgenden Jahren starteten einige meiner engen Freunde ein Fotografie-Stadium, was für mich ein großer Vorteil war. Ich konnte viel von ihnen lernen und entschied mich schlussendlich dazu, meine Ausrüstung aufzubessern. Die Idee, meine Kamera auch regelmäßig mit auf den Berg zu nehmen, kam mir erst vor ein paar Jahren in Laax. Heutzutage bringt man mich ohne Kameratasche nicht mal mehr in die Gondel (lacht).

Hast du eine der beiden Kameras noch?

Ja, die alte Nikon FG habe ich noch immer! Mit einem 50mm Objektiv. Allerdings benutze ich sie nicht mehr allzu oft.

Deine zweite Leidenschaft ist Grafikdesign, Illustration und Handtype/Lettering.

Ganz genau. Ich habe Kommunikationsdesign an der Emily Carr Universität in Vancouver studiert und liebe Zeichnen noch immer genau so sehr, wie ich es schon als Kind geliebt habe. Zeichnen—und alles was damit zu tun hat—ist mein Hauptfokus—und so soll es auch bleiben.

Das erkennt man auch in deiner Arbeit.
Da ich relativ schnell bemerkte, dass die typische Agenturarbeit nichts für mich ist, habe ich mich früh nach eigenen Projekten umgesehen. Nach Arbeit, die mehr meinen Interessen entsprach. Im Lauf der Jahre entwickelte ich einen ziemlich "lockeren" Illustrationsstil und rutschte immer mehr in die Lettering- und Illustrationsschiene ab. Mein Netzwerk wuchs ebenso. Langsam aber stetig.
Mittlerweile machen diese beiden Felder einen Großteil meiner Arbeit aus. Und solange alle stoked sind, werde ich diesen Weg auch weiter gehen. Zwar ist es noch kein perfekt konstanter Fluss an Arbeit, aber ich versuche mich ständig zu beschäftigen. Und wenn es nötig ist, halte ich mich mit anderen Jobs über Wasser. Die Fotografie ist da durchaus eine hilfreiche Sache.

"Do what you love" ist eine oft gehörte Phrase. Was steckt dahinter? Ist es für einen kreativen Beruf essentiell, dass man seine tägliche Tätigkeit auch wirklich "liebt"?
Ich würde zustimmen. Wenn du in einem kreativen Umfeld erfolgreich arbeiten willst, musst du einen Job finden, den du wirklich gerne ausübst. Mein Plan war es, die Uni erfolgreich abzuschließen und einen Job als Grafikdesigner zu finden. Anschließend kann ich machen was ich "liebe" und bekomme dafür auch noch ein solides, regelmäßiges Einkommen. Das war die Theorie. Und es zeigte sich mal wieder, dass zwischen Theorie und Praxis ein gehöriger Unterschied liegt. Schnell bemerkte ich, dass mich ein kreativer Job in einem regulierten Umfeld nicht ausfüllt. Im Laufe der Jahre wurde mir jedoch immer bewusster, was ich wirklich machen möchte … und was genau ich an meiner Profession mag. Ich konzentrierte mich daher genau auf diese Dinge und versuchte, meine Fähigkeiten weiter auszubauen. Macht das Sinn?

Klar.
Mit Hartnäckigkeit und dieser Vorgehensweise habe ich es im Laufe der Zeit geschafft, mir einen Lebensunterhalt zu verdienen. Und zwar mit genau den Dingen, die ich auch wirklich machen möchte. Und ich liebe es.

David Djite
Aaron Schwartz
Laax

Dazu zählt dann vermutlich auch das Projekt mit Nicolas Müller.

Ganz genau. Das Ganze ergab sich jedoch relativ zufällig. Während der Planung für eine Ausstellung in Flims für einige meiner neuer Handtype/Lettering-Projekte drückte mir Nicholas Wolken den ersten Korua-Prototyp in die Hand – ein komplett weißes Board. Zum gleichen Zeitpunkt arbeitete ich auch noch an einem Paar weißen Ski, und kurz vor der Ausstellung fragte ich noch Nicolas Müller, ob er ein weißes Brett für mich hätte. Kurz darauf gab er mir sein altes Malolo. Ich zeichnete sein berühmtes Zitat aus "Never Not" darauf: "I can’t promise anything to anybody, but I’ll tell you this: if we go snowboarding together, at the end of the day, we’re satisfied, we have a big smile on our face, and we can just say: that was amazing!"

Was geschah mit dem Board?

Erst wurde es für zwei Monate in Flims ausgestellt, anschließend brachte ich es im März zur Grafik15 Ausstellung in Zürich. Dort bekam es eine weitere Portion Aufmerksamkeit und auch im Internet machte es die Runden. Als die Show vorbei war, entschieden wir uns dafür, das Brett auf eBay zu versteigern. Innerhalb weniger Stunden wurde es per "Buy it now" Option gekauft und ein Teil des Ertrags wurde an die Atlantic Rainforest Institution gespendet.

Ein perfektes Projekt.

Jap. Definitiv ein cooles Projekt!

Als Fotograf triffst du auf viele interessante Menschen. Beeinflusst deine Tätigkeit hinter der Kamera den Kontakt mit anderen Personen?

In gewisser Weise, ja. Durch die Fotografie nehme ich die Gesichtszüge anderer Menschen sehr bewusst wahr. Natürlich weiß ich, dass das Aussehen eines Menschen nur die "Oberfläche" ist. Was eigentlich zählt, ist das Innere. Trotzdem: Das Gesicht eines Menschen verrät sehr viel. Was hat derjenige schon durchgemacht? Was hat er bisher erlebt? Die Fotografie weckte eine gewisse Neugier in mir, all das herauszufinden. Gibt es eine interessante Geschichte? All das könnte der Lieferant für eine gute Portät-Idee sein. Die Fotografie veränderte meine Interaktionen mit anderen Menschen in dem Sinn, dass ich Fragen stelle. Fragen, die herausfinden sollen, welche Geschichte hinter der jeweiligen Person steckt.

Die Aufgabe eines Fotografen ist es, einen bestimmten Moment zu dokumentieren. Ist es möglich, neben der eigentlichen Dokumentation auch den jeweiligen Moment richtig zu "erleben"?

Für mich ist die Dokumentation eines speziellen Erlebnisses in einem gewissen Sinn zum eigentlichen "Erlebnis" geworden. Vielleicht gibt es also gar keinen Unterschied darin? Speziell wenn es um Snowboarden geht. Ich bin nicht derjenige, der das krasse Obstacle fährt. War ich auch nie. Meine Art, ein Teil des jeweiligen Erlebnisses zu sein, ist dort zu sein und sie per Foto einzufangen. Snowboarden war schon immer eine meiner großen Leidenschaften. Die Dokumentation davon verstärkte das Erlebnis nur noch einmal. Noch mehr als der eigentliche Akt in sich selbst.

Ein perfektes Schlusswort. Danke fürs Interview, Aaron.

Eigentlich müsste dieses Pleasure Powder Special reißenden Absatz finden. Sofern es als Powder Special erkannt wird. Aufgrund amerikanischer Anwaltskanzleien mit erschreckendem Halbwissen, aber enormen Wadlbeißer-Qualitäten, ziert nämlich im Gegensatz zu den vergangenen Jahren der beliebte „Pleasure“-Schriftzug wieder das Cover, um jegliche mit haarsträubenden Argumenten heraufbeschworene Verwechslungsgefahr mit einem nordamerikanischen Ski-Magazin zu vermeiden. Halleluja, soweit kommt’s noch.