Offiziell: Kein Snowpark mehr in Grasgehren

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Offiziell: Kein Snowpark mehr in Grasgehren

Tajo Seefried ist ein fester Bestandteil der Allgäuer Snowboardszene. In den letzten Jahren war er als Head-Shaper unter anderem verantwortlich für den Snowpark Grasgehren, der mit zahlreichen Events und kreativen Obstacles ein beliebter Treffpunkt der Szene war. War? Richtig. Seit einigen Tagen steht nämlich fest, dass der Snowpark Grasgehren ab sofort in die ewigen Jagdgründe geschickt wird. Offizieller Grund: Zu hohe Kosten, zu wenig Besucherzahlen. Tajo ist dementsprechend bedient und gönnt sich erstmal das ein oder andere Bintang in Indonesien. Seine Sicht der Dinge erklärt er uns trotzdem im exklusiven Interview.

Tajo, fürs Intro des Interviews: Erkläre doch kurz unseren Lesern, wie du im Snowpark Grasgehren involviert warst. Wann hat alles angefangen, und wie?
Angefangen hat alles 2009, als ich dem Geschäftsführer Berni Huber die ersten gebrauchten Easy Obstacles und den einmaligen Aufbau verkauft und ihnen dazu geraten habe, den Park auf die jetzige Parkfläche zu verlegen. Im Sommer 2010 habe ich mich daran gesetzt, ein professionelles Konzept zu schmieden. Zu diesem Zeitpunkt habe ich bereits drei Winter den Fellhornpark betreut und war dabei, ein Konzept für den Steibispark zu schreiben. Mein Ziel war es im Allgäu ein Freestyle-Terrain zu schaffen, bei dem sich die einzelnen Konzepte ganz klar voneinander abheben. Natürlich war in jedem Snowpark eine Downrail-, Boxen- und Kickerline geplant, jedoch kann man durch die Wahl der Länge, Breite, Durchmesser, Winkel und Shape ganz unterschiedliche Zielgruppen ansprechen. Das Fellhorn hatte große Kicker und steilere Rails sowie einen großen Easypark. Grasgehren war ein Snowboard-Jibpark und Steibis ein cooler Mediumpark, wo man seine ersten und neuen Rail- und Kickertricks probiert hat, um Sie dann in Grasgehren oder am Fellhorn umzusetzen.

Heute haben wir erfahren, dass der Snowpark Grasgehren Geschichte ist. Auf der Website findet sich nur ein Dreizeiler, der „verschiedenste Gründe“ anführt. Kannst du uns schildern was der wichtigste Grund für die Schließung des Snowparks ist?
Nach Aussage der Geschäftsführung sind die Kosten im Verhältnis zu den Besucherzahlen zu hoch, wodurch sich der Beirat dazu entschieden hat, den Park zu schließen. Meiner Meinung nach wurde sich hier ausschließlich an den Zahlen der letzten Saison gemessen. Die letzte Saison war jedoch anders. Ich habe im Sommer 2016 ein Konzept für zwei große Firmen aus der Industrie geschrieben und auch zu Beginn mündliche Zusagen bekommen. Jedoch war ich nicht direkter Ansprechpartner bei den Sponsoren und musste mich auf einen Partner verlassen, der sich aus diversen Gründen nicht richtig darum gekümmert hat. Zum Schluss habe ich versucht, es selber in die Hand zu nehmen, jedoch war es dafür dann zu spät. Die finanziellen Mittel um weitere Events/Kommunikation usw. zu pushen sind ausgeblieben. Zudem war der Winterstart in Grasgehren sehr schwierig, weil sehr wenig Schnee zu Beginn gekommen ist und durch die Schneebeschneiung war Nesselwang in der Lage, einen guten Snowpark mit Red Bull als Partner frühzeitig zu bauen. Als dann endlich genügend Schnee zur Verfügung stand, um die Kickerline zu schieben, habe ich aufgrund einer Warmwetterprognose einen Baustopp bekommen. Die Entscheidung war für mich überhaupt nicht nachvollziehbar, da es gerade dann wichtig ist, den Schnee zusammen zu schieben, damit die Kälte zusammenhält und die Sonne weniger Angriffsfläche hat. Ich habe darauf hingewiesen, dass das Konsequenzen auf die Besucherzahlen haben wird. Das war dann auch der Moment, den die „Stimmen gegen den Park“ genutzt haben und das ganze Snowpark-Thema in Frage zu stellen und für Unruhe gesorgt haben. Als ich von meinem Spontan-Kurztrip von Portugal zurückgekommen bin, haben wir den Schnee doch geschoben und konnten endlich wieder Neuigkeiten kommunizieren und für gute Besucherzahlen sorgen. Der übrige Winter verlief den Umständen entsprechend (weniger Sponsoren/Events, wenig Schnee, guter Park in Nesselwang) gut. Ich musste zwar um einige Dinge wie den Ausbau der Parkfläche über die gesamte Länge vom Lift III kämpfen, konnte mich hier aber zum Glück durchsetzen. Zu guter Letzt mussten wir unser geplantes Abschlussevent „The Run“ absagen, da das Gebiet sich dazu entschlossen hat, drei Tage davor die Lifte zu schließen.

Hätte es aus deiner Sicht Alternativen zur Schließung gegeben?
Um die Kosten herunterzuschrauben, habe ich mich um einen Hauptsponsor bemüht und der Bergbahn angeboten, dass von meiner Seite aus keine Kosten mehr für Konzeption, Aufbau, Umbau, Obstacles und Kommunikation entstehen. Leider wurde von mir erwartet, neben meiner Arbeit und den Events auch die Kosten für die betreuenden Shaper zu tragen, was budgetmäßig nicht möglich ist. Ausserdem halte ich es für essentiell wichtig, dass die Betreiber sich mit dem Snowpark identifizieren und dazu gehört, dass das Personal Teil der Bergbahn ist. 

Beers N Burger im Snowpark Grasgehren. Selbstverständlich mit der kompletten Lokalprominenz.

 

Siehst du einen Zusammenhang mit der medienwirksamen Diskussion um den Ausbau des Skigebiets Riedberger Horn?
Nein, das sehe ich nicht. Der Ausbau des Skigebiets hätte für den Snowpark eine positive Auswirkung haben können. Grasgehren wäre damit für alle Freestyler auch als Freeride-Gebiet interessant geworden.

War der Park ein wirtschaftlicher Erfolg, oder eher eine Marketing-Maßnahme?
Meiner Meinung nach war der Snowpark das Aushängeschild vom Skigebiet. Seitdem der Snowpark bestand, war Grasgehren wieder im Gespräch. Ganz abgesehen vom Snowpark war es plötzlich hip und cool in Grasgehren Skifahren zu gehen oder einfach auf der Sonnenterasse zu chillen. Der Snowpark an sich hat sich ab der ersten Saison sehr gut entwickelt, da Grasgehren mehr Schnee als die anderen Gebiete hatte, sehr früh in die Saison starten konnte und wir von Anfang an mit Events gute Kommunikationsarbeit leisten konnten. Auch die Jahre danach waren sehr erfolgreich, was ja auch zu der Bekanntheit beigetragen hat. Jede Saison sind neue Events und Obstacles dazugekommen und wir sind immer unserem Konzept treu geblieben; einen Snowpark zu kreieren, der über die Saison wächst, umgebaut wird und stets perfekt geshaped und jeder Shredder willkommen ist, egal ob Anfänger oder Pro. 

Siehst du eine Chance, dass es doch wieder einen Park mittelfristig gibt, oder ist das endgültig?
Das Thema hat sich meiner Meinung nach endgültig erledigt – leider. Ich vermute, die Bergbahn möchte sich jetzt als reines Familienskigebiet positionieren und wird die bisherige Parkfläche als Funslope nutzen. 

Es gibt Snowparks in den Alpen, die extrem erfolgreich sind und gute Zahlen und sogar wachsende Nutzerzahlen präsentieren. Trotzdem gibt es immer wieder auch Schließungen. Was sind aus deiner Sicht die wichtigsten Voraussetzungen, dass ein Snowpark erfolgreich ist?
1. Ein klares Konzept mit gutem Gelände
2. Parkdesigner und Shaper aus der Region, die tief in der Szene verwurzelt sind
3. Ein Snowpark ist nicht nur ein Snowpark, daher muss Tourismus, Gastronomie, Hotels involviert werden
4. Inzwischen ist eine gute Schneebeschneiung sehr wichtig, obwohl ich absoluter Fan von Naturschnee bin
5. Regelmäßige Umbauarbeiten und tägliche Betreuung durch kompetentes Personal sind essentiell
6. Events, Events und nochmal Events 
7. Wenn möglich Erdarbeiten
8. Gute Infrastruktur

Alles klar. Danke fürs Interview, Tajo.

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Die letzte Pleasure-Ausgabe der Saison 2016/17 erscheint mit dem Schlagwort „Awareness“ auf dem Cover. Dennoch haben wir es uns nicht angemaßt, uns auf die Suche nach ultimativen Antworten zu begeben. Sondern nach Ansätzen, um sich überhaupt die wichtigen Fragen zu stellen. Viel Spaß mit Pleasure Ausgabe 127.