A Tribute to Steve Gruber

Portrait
Tassilo Hager
Stefan Götschl

A Tribute to Steve Gruber

Sei es während eines Contests, auf Sales Meetings oder aber bei diversen Photo-Shootings: als Redakteur bei einem Snowboard Magazin bekommt man gelegentlich die Möglichkeit, mit seinen Idolen und den ganz großen Namen ein paar Runs zu fahren. In den letzten zehn Jahren waren es so viele verschiedene Fahrer, dass es sich irgendwann fast schon normal anfühlt, wenn man neben einer Legende wie Jamie Lynn in der Gondel steht oder mit Freestyle-Kid Ståle Sandbech über Klamotten-Trends fachsimpelt. Klar, man ist immer wieder von den Tricks, der Airtime und dem Style der verschiedenen Pros begeistert, wenn sie vor einem aus der Pipe fliegen, einen Parkjump killen oder ein Cliff droppen, doch auf der Piste zum Lift sind auch diese Jungs meist ganz normale, wenn auch wahnsinnig gute Snowboarder. Manchmal aber gibt es Momente, an dem einem einfach der Mund offen bleibt - und zwar nicht, weil sich gerade jemand per Frontside 1440 an einem vorbeischraubt, sondern weil es einige wenige Fahrer gibt, die quasi eins mit ihrem Brett sind. Bei diesen Typen reicht ein Turn, ein Ollie oder ein Revert und man weiß, dass sie in einer völlig anderen Liga von Kontrolle snowboarden. Meine persönlichen Favoriten dieser „Eye Opener“ heißen Aaron Biittner, Scott Stevens und Steve Gruber. Mit ihnen fahren zu gehen, hat mein Verständnis für snowboarderisches Können völlig verändert. Da es um Aaron leider zuletzt sehr ruhig wurde und Scott sich meist in den verschiedensten Parks und Gebieten der USA rumtreibt, sind die Chancen, die beiden einmal live zu sehen, zumindest für den normalen Mitteleuropäer eher gering. Im Falle von Steve hingegen muss man einfach nur ins Zillertal fahren und mit etwas Glück fährt einer der beeindruckendsten Snowboarder der letzten fünfundzwanzig Jahre plötzlich an einem vorbei.

Was eigentlich aus ihm geworden wäre, wenn er Mitte der Neunziger keine Karriere als Pro eingeschlagen hätte, weiß Steve gar nicht. Wahrscheinlich hätte er sein Geld als Zweiradmechaniker verdient, zumindest hat er darin seine Ausbildung gemacht. Heute, gut zwanzig Jahre später, baut er den Sommer über Mountainbike-Trails in den Tiroler Alpen und schraubt selbst wieder mehr am Rad. Steve ist kein Snowboard-Pro mehr, er bekommt zwar noch etwas Unterstützung von SP, Gloryfy und Evoc, seinen Lebensunterhalt muss er sich aber anders verdienen. Was Steve aber definitiv noch ist, ist Snowboarder. Snowboarder durch und durch. Mehr Snowboarder als viele aktuelle Pros je sein werden.

Matt McHattie

Vor ca. zwanzig Jahren ist er deswegen aus Niederösterreich ins Zillertal gezogen, hat mit seinen Freunden die Ästhetiker-Crew gegründet und war erst für Heavy Tools und kurz darauf für Freesurf Snowboards unterwegs. Fred Holdener und Muck Müller erkannten damals Steves Potential und besorgten ihm einen Vertrag bei Salomon Snowboards. Auf einmal wurde Steve fürs Snowboarden bezahlt, war mit seinem Kumpel Wolfgang Nyvelt und Youngblood David Benedek in einem Team, reiste von Contest zu Contest und war bei jedem Summer Camp zu Gast. Neben Salomon bekam Steve ein lukratives Angebot von Diesel und trug fortan Outerwear von 55DSL. Soweit so gut, auch heute legen Snowboarder Blitzkarrieren hin, doch Steve mit einem der „Athleten“ heutiger Tage zu vergleichen ist wie der Vergleich eines Toyota Prius mit einem Ford Mustang der Sechzigerjahre. Um ihn besser kennenzulernen, hilft es, in der Zeit zurückzureisen. Bei den ISF Halfpipe World Championships 98/99 war er so überrascht, sich für das Finale qualifiziert zu haben, dass er bis in die frühen Morgenstunden feierte, seinen Hotelzimmerschlüssel verlor und über den Balkon in sein eigenes Zimmer einbrechen musste. Am darauffolgenden Tag des Finales hatte er nur zwei Stunden geschlafen, den Kater seines Lebens, war kaum in der Lage, das Training mitzufahren und wurde am Ende Vize-Weltmeister. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Steve stets ein schlechtes Gewissen seinen Sponsoren gegenüber, da er sich irgendwie als überbezahlt empfand. Diese Tatsache beschreibt ganz gut Steves Selbstwahrnehmung, denn der Letzte, der ihn als den Ausnahme-Snowboarder sieht, der er tatsächlich ist, ist Steve selbst. Vielleicht ist dies auch genau das Geheimnis von Fahrern wie ihm, Aaron Biittner oder Scott Stevens. Sie sind sich ihres Talents überhaupt nicht bewusst, weshalb ihr Snowboarden so natürlich und selbstverständlich wirkt.

Dan Mullins

Jamie Mosberg, der bereits gemeinsam mit Tony Hawk das legendäre Birdhouse Skate-Video „The End“ produziert hatte, wollte Steve in seinem Snowboard-Film „1999“ dabeihaben, wodurch er plötzlich mit Trevor Andrew, Michi Albin und Romain De Marchi filmte, ohne dass seine Sponsoren dafür hatten bezahlen müssen. Neben den Contests begann so Steves Karriere als Video-Fahrer. Später filmte er mit Travis Rice, Nicolas Müller, Gigi Rüf und Fredi Kalbermatten für Absinthe Films und für Marco Lutz’ John-Doe-Productions. Steve spricht von den goldenen Zeiten und davon, dass er damals sein Geld vielleicht etwas geschickter investieren hätte sollen. Denn plötzlich kam die Entscheidung von Salomon, ihn aus dem Team zu cutten. Einen neuen Sponsor zu finden, stellte sich als schwierig heraus, denn ein knallharter Geschäftsmann ist Steve definitiv nicht. Bis heute macht er sich nicht wirklich viel aus Geld. Aus der Not wurde daher eine Tugend und Ästhetiker-Snowboards wurden ins Leben gerufen. Mit dem „Gruba Libre“ hatte Steve endlich sein Pro-Modell, ein Brett voll und ganz auf seine Bedürfnisse abgestimmt, von einer Firma, die nicht einfach nur irgendeine Marke ist, sondern zugleich so etwas wie seine Familie.

Seit über zwanzig Jahren sind die Ästhetiker eine eingeschworene Crew, gehen immer noch regelmäßig gemeinsam auf Trips und stehen für Werte, die Snowboarden wesentlich authentischer repräsentieren als das ganze Marketing-Geschwafel der Industrie. Wenn man sich mit Steve über seine Karriere unterhält, die krassen Videoparts, zahlreichen Interviews, den Vize-Weltmeistertitel wird einem schnell klar, dass diese Erfolge für ihn nie im Mittelpunkt standen. Es war ihm nie wichtig Pro zu sein, es ging damals wie heute lediglich darum die Möglichkeit zu haben auf dem Snowboard zu stehen. Heute baut er den Winter über Parks und wenn der Reshape an einem Powdertag stattfindet, wird Steve nach wie vor nervös und kann es kaum erwarten, bis er selber shredden darf.

Mone Monsberger

Boardkontrolle beweist Steve neben dem Snowboard übrigens auch auf dem Skate- und Surfboard. Am deutlichsten wird sein unglaubliches Talent aber, wenn er auf einem der von ihm und seinen Kumpels Wolle und Stefan geshapten Äsmo-Powsurfern unterwegs ist. Wenige Menschen bringen mit Bindung zustande, was er hier ohne macht. Was seinen fahrerischen Status angeht, reiht sich Steve für mich nahtlos zwischen Namen wie Jamie Lynn, Terje Håkonsen oder Peter Line und wollte man ihm eine Auszeichnung verleihen, dann sicher die als „most underrated snowboard legend alive“.

Mone Monsberger

Schon länger bezeichnet er sich selbst nicht mehr als Snowboard-Pro sondern als Snowboard-Bro, der einfach jede freie Minute gemeinsam mit seinen Freunden am Berg verbringen möchte, völlig ohne Druck von außen fahren geht und mittlerweile auch aktiv versucht, etwas an die nächste Generation weiterzugeben. Mit der „Välley Rälley“-Tour haben er und die restlichen Ästhetiker einen Event speziell für den Nachwuchs auf die Beine gestellt. Dass dafür Bedarf besteht, zeigen die Teilnehmerzahlen mit über 100 Anmeldungen pro Tour-Stopp.

Vor einigen Wochen feierte Steve seinen einundvierzigsten Geburtstag. Er baut immer noch Powder-Kicker, ist heiß auf Airtime und kann nach wie vor nicht wirklich nachvollziehen, warum alle, die ihn live fahren sehen, so von seinem Style geflasht sind.

Dieser Artikel erschien original in der Pleasure „Awareness“-Ausgabe. Habt ihr nicht? Skandal. Am besten direkt hier bestellen. Oder noch besser: Prämie absahnen, Geld sparen, nie mehr eine Ausgabe verpassen und Abo abschließen.

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Die letzte Pleasure-Ausgabe der Saison 2016/17 erscheint mit dem Schlagwort „Awareness“ auf dem Cover. Dennoch haben wir es uns nicht angemaßt, uns auf die Suche nach ultimativen Antworten zu begeben. Sondern nach Ansätzen, um sich überhaupt die wichtigen Fragen zu stellen. Viel Spaß mit Pleasure Ausgabe 127.