Shred Cat

Experience
Christian Hundertmark
Erschienen in
Pleasure 131
Eileen Broadhead

Shred Cat

Après Ski, die Local-Legend Shred Cat betritt den Raum. Snowboardet gefühlt und für alle nachvollziehbar seit hundert Jahren. Tief in der Szene verwurzelt, macht fast schon von Beruf aus Meinung und ist dementsprechend auch mit tausend und einer Meinung ausgestattet. Aber halt alles real. Nicht so Influencer. Die Mütze mit der Goggle darauf, leicht und lässig nach hinten gezogen, kann man jedenfalls hier im Shop kaufen. Lokal, nicht bei Amazon. Dazu passend hat die Shred Cat einen Hauch von lokalem Akzent in der Stimme. Gerade genug, um eine tiefe Verwurzelung in der alpinen Welt zum Ausdruck zu bringen. Nicht zu viel, denn das betont die Weltläufigkeit und Teilhabe an der globalen Szene schon im Sprachausdruck. Gerne auch in hervorragendem Englisch. Dann aber immer mit mit ein bisschen Zynismus abgemischt – man weiß ja um die Anglifizierung der eigenen Sprache und nimmt das alles nicht so ernst. Humor ist, wenn man über sich selber lachen kann. Exclusively.

Die Rookies sind auf Habtacht. Natürlich weiß sofort jeder, wer gerade reingekommen ist … zumindest hier im Resort. Der Spitzname aus jungen Tagen ist längst zum Markennamen geworden. Hauptsächlich gebraucht in den Bars des Resorts. Und eigentlich braucht es nicht einmal mehr den im Lokaldialekt als ständigen Begleiter des Namens vorgesehenen Artikel: Meinungsmacher mit Markenqualität sind in der Freestyle-Szene immer noch männlichen Geschlechts. So war es schon immer, so macht man das halt.
 

Am Tisch der Rookies werden die Stimmen etwas leiser. Ein bisschen Respekt hat noch keinem geschadet, ein bisschen muss man auch aufpassen, dass man nicht mit einem fetten Diss und dem Gelächter der Kollegen in den Ohren heimgeht. Der Tisch spitzt die Ohren.

„… Yoga-Influenza, du nervst!“

Endlich hat es der Tante mal jemand gesagt. Braucht ja auch nicht mit Ihrem Ingwertee an der Bar im Weg stehen. Harte Posernummer, die auf ihrem Instagram-Account immer läuft. Ultraviel Awareness und so ein Zeug. Ob die schon jemals am Berg war, ohne ein Foto zu machen, wie sie ihren ultra-aware-neu-gekauften Stuff durch die Gegend trägt? Wie kommt die immer an die richtigen Spots? Kann die eigentlich fahren? Hat die jemand schon mal fahren gesehen? Fotos vom perfekten Körper in akrobatischen Posen gibt‘s immer nur im Sommer – in Yoga-Pants. Finden alle ganz geil, hat auch Shred Cat schon mal geliked. Ran darf aber nur ein Typ: Zahnarzt. Absurder Spack, da ist man sich einig. 

Hat krass viel Asche, und alles, was der Markt an Material hergibt in der Karbonanfertigung. Wahrscheinlich aus allen Actionsportbereichen die einen Markt haben – nicht nur Snowboarden. Und halt einen Pferdeschwanz. Geht ja gar nicht, aber die Instagram-Tante steht drauf. Schaut jedenfalls ultra-scheiße aus, wenn er mit seinen Old-School-Carve-Versuchen daherkommt. Hat er total die falschen Klamotten dafür an. Baggies, aber zu enge Jacke. Mega gay! Old School schaut einfach ganz anders aus. Viel mehr sustainable. Gibt da auch geile Schnitte jetzt und nice Styles. Style ist ja so mega wichtig. Da redet man schon mal den ganzen Abend drüber, wenn man mit den Jungs auf engem Raum zusammensitzt. Teilweise über Wochen hinweg, auf den Road Trips mit den Boys in Kanada zum Beispiel. Schön da. Haben Brokeback Mountain da gedreht. Hollywood kennt man, man macht ja selber Film. Also jedenfalls Style: Wer alles total gayen Style hat und so. Tagsüber shredden, abends über Style reden. Ziemlich tight, aber halt no-homo. No Diss. 

Mehr zu Social Media und was Shred Cat sonst noch so zu erzählen hat, lest ihr in der Anti-Hero Ausgabe 131. Habt ihr nicht? Skandal! Dann besser direkt hier bestellen oder – noch viel besser – Abo abschließen oder Online abonnieren, Prämie absahnen und nie mehr eine Ausgabe verpassen.

Auf das Pleasure Product Special 2020 sollte man sich als Angebot zum Streifzug durch die kulturellen Identifikations-Möglichkeiten als Snowboarder einlassen. Nehmt euch die Zeit und findet jede Menge Inspiration auf den insgesamt 178 Seiten. Denn eines ist sicher: Ein Tag auf dem idealen Snowboard verspricht mehr Kontemplation, Glück und Seelenheil als jede Meditations-App.