The Middle Path Project

Travel Story
Ian Wood
Stefan Götschl

The Middle Path Project

Die Idee zu „The Middle Path“ schwirrte schon seit einiger Zeit durch unsere Köpfe. Wir – das sind Matt Wainhouse, Sean Fithian, Forrest Burki, Ryan McLaughlin, Jim Guindon, Tim Carlson, Jordan Ingmire und meine Wenigkeit, Ian Wood. Wir sind Snowboarder. Mit „The Middle Path“ wollten wir unser Bewusstsein für die Welt um uns herum erweitern: Besser verstehen, was uns erlaubt, mit dem Snowboard in den Bergen unterwegs zu sein; besser verstehen, warum dies vielleicht schon bald Geschichte sein könnte und, am wichtigsten, wie wir als Individuen eben jener Entwicklung entgegenwirken können. Das Problem: in der heutigen Gesellschaft existieren imaginäre Grenzen, die uns separieren: Nationen, Religionen, Ethnien und sozioökonomische Klassen sind nur einige wenige Beispiele dafür. Wenn wir die Erhaltung unseres Planeten diskutieren, erscheinen diese Trennlinien augenblicklich. Luft, Wasser, Erde; Umweltverschmutzung, Verseuchung – all das kümmert sich jedoch nicht um menschgemachte Halluzinationen. Zerstörung kennt keine Grenzen. Macht eine Nation „ihr“ Land kaputt, betrifft es uns alle.

Als Wintersport-Enthusiasten kommen wir immer häufiger mit den brutalen Auswirkungen, die die Zerstörung unseres Planeten mit sich bringt, in Berührung. Zu Beginn unseres Projekts wurden uns schnell die Augen geöffnet, wie unsere Abenteuer die Welt um uns herum beeinträchtigen. Wir dokumentieren unseren Spritverbrauch und versuchten, möglich nachhaltig zu reisen; sozusagen die ersten, kleinen Schritte in die Realität des einfachen Ursache-Wirkungs-Lebensstils. Wenn ich diese Menge Treibstoff verbrenne, wird so und so viel CO2 in die Atmosphäre transportiert, was wiederum ein messbarer Effekt auf meine Umwelt ist. Multipliziert man diese Herangehensweise mit einigen Millionen Menschen, sieht man bald Auswirkungen auf das große Ganze. Plastik und Fahrzeuge, die sich dank fossiler Brennstoffe bewegen, existieren zwar erst seit gut 100 Jahren, jedoch sehen wir schon jetzt die Folgen – und wir beginnen gerade erst zu begreifen, welch horrende Auswirkungen dieser Lebensstil auf unsere Umwelt hat. Unsere Spezies ist auf dem besten Weg, die Verbindung zu der Grundlage zu verlieren, auf der unser aller Leben basiert: der Natur.

Ian Wood
Jordan Ingmire
Stevens Pass
Ryan McLaughlin
Jim Guindon
Jordan Ingmire
Stevens Pass
Kevin Hanson
Jordan Ingmire
Stevens Pass
Das Japan-Dilemma

Unsere Saison starteten wir im Herzen der Cascade-Bergkette in Washington. Als Basislager diente uns dort eine abgelegene Berghütte, zwei Kilometer entfernt vom nächstgelegen Gebiet. Splitboarden, wandern, essen, schlafen. Tagein, tagaus. Gestartet wurde mit dem Sonnenaufgang, Feierabend war meist erst spät nachts. Unser Ziel war es nicht nur, körperlich fit zu werden, sondern auch bewusster mit unserer Umwelt umzugehen. Frische, kalte Bergluft atmen, gefrorenes Wasser surfen, durch die Wälder wandern … ein besseres Programm ist dafür wohl schwer zu finden.

Während unserer Zeit in den Cascades wurde auch die bevorstehende Saison geplant. In den etlichen nächtlichen Diskussionen wurde schnell klar, dass die komplette Crew vor allem ein Reiseziel hatte: Japan. Ein jeder von uns kannte zahllose Geschichten aus Japan, doch war niemand zuvor dort gewesen. Da unsere Recherche jedoch schnell zeigte, dass Flugreisen zu den umweltschädlichsten Fortbewegungsmitteln überhaupt zählen, standen wir vor einem Dilemma. Schwimmen? Könnte knapp werden. Einfach ins nächste Flugzeug springen und ab ins Land der aufgehenden Sonne? Nicht mit unseren Werten zu vereinbaren. Schließlich einigten wir uns darauf, dass wir mit „The Middle Path“ einen realistischen Ansatz verfolgen sollten. Unser Ziel war es, die alltäglichen Probleme in Angriff zu nehmen. Wenn ein jeder von uns ungefähr 25 Bäume pflanzen würde, wären die kompletten Kohlestoff-Auswirkungen unseres Japan-Trips ausgeglichen. Die zentrale Prämisse des Projekts ist es, unsere Wünsche und die dadurch entstehenden Effekte auf die Umwelt abzuwiegen. Dementsprechend beschlossen wir, unsere Tickets nach Japan zu buchen – gleichzeitig jedoch unseren CO2-Fußabdruck so gering wie möglich zu halten.

Jordan Ingmire
Jordan Ingmire
Jordan Ingmire

Mein persönliches Ziel war es, die japanische Natur so wenig wie möglich zu belasten. Während des kompletten Trips sammelte ich meinen Müll und konnte so meinen eigenen Müllpfad genau beobachten. Was nicht wiederverwertet werden konnte, wurde zurück nach Hause gebracht. Wie irrsinnig ist es, dass eine wissenschaftlich und technologisch derart fortschrittliche Spezies es immer noch nicht auf die Reihe bringt, biologisch abbaubares Material zu produzieren? Stattdessen wird ein Loch in den Boden gegraben, in dem alle giftigen Produkte versteckt werden können. Weitsicht? Fehlanzeige. Giftige Chemikalien gelangen in unsere Böden, das Grundwasser wird verseucht. Was dadurch entsteht? Soll doch die nächste Generation damit klarkommen. Immerhin haben wir unsere magischen kleinen Plastikbehälter, die fein säuberlich in Plastiktütchen eingepackt sind und bequem im nächsten Plastikmüll entsorgt werden können. All das wird in regelmäßigen Abständen wie von Geisterhand aus unserem Sichtfeld entfernt. Über die daraus resultierenden Auswirkungen sollen sich andere kümmern. Praktisch!

In Japan angekommen erwartete uns genau das, was wir uns erhofft hatten. Das Terrain und Ausmaß der japanischen Alpen ist unglaublich. Wir hatten die Chance, uns mit japanischen Lokalhelden wie Shin Biyama oder Kenji Kato zu treffen. Dank ihrer extremen Gastfreundlichkeit und Hilfe kamen wir in den Genuss einiger geheimer Powder-Lines, die es so wohl nur in diesem Teil der Erde gibt. Unser Trip neigte sich dem Ende zu und ich schleppte mittlerweile einen beachtlichen Müllberg mit mir herum. Wir sortierten das Ganze säuberlich, recycelten, was recycelt werden konnte und sendeten die Papierprodukte zur nächstgelegenen Müllverbrennungsanlage. Was übrig blieb, wanderte in mein Gepäck und flog mit uns zurück in die Staaten, um dort das lokale Recycling-Programm kennenzulernen.

Jordan Ingmire
Japan
Veggie-Trucks und AK-Lines

Vor ungefähr zehn Jahren traf ich Tamo Campos. Ein Typ, der seine Fahrzeuge mit dem alten Pflanzenöl diverser Restaurants zum Laufen bringt. Schon damals fand ich diese Idee äußerst interessant, war jedoch immer zu bequem, sie weiter zu verfolgen. Hinzu kamen die Reaktionen meiner Mitmenschen: „Ian, kannst du nicht machen, keine Chance!“ Oder: „Konzerne kaufen doch all das alte Öl auf … wo willst du da ausreichend herbekommen?“ Nächster Klassiker: „Dadurch machst du dir deinen Motor kaputt. Warum zur Hölle willst du so etwas machen?“ Jemanden blind zu vertrauen ist wesentlich leichter als sich anständig zu informieren. Also glaubte ich meinen Freunden und Bekannten. Bis mir Tamo erneut über den Weg lief. Er hatte einen Film namens „Northern Grease“ produziert. Darin reist er mit einigen Freunden den kompletten Winter von Gebiet zu Gebiet und erklimmt per Splitboard eine Line nach der anderen. Mit welchem Treibstoff sein Auto läuft? Pflanzenöl. Ist doch klar. Unsere Wünsche und die dadurch entstehenden Effekte auf die Umwelt in Einklang halten – gibt es dafür ein besseres Beispiel, als einen Snowboard-Trip mit einem Auto zu machen, das mit pflanzlichem Kraftstoff angetrieben wird? Klar, es ist anstrengender; mehr Arbeit wird nötig sein. Wenn du es jedoch richtig machst und die einzelnen Prozesse lernst, kann es funktionieren. So lautete zumindest die Theorie.

Ich kaufte mir den Veggie-Truck noch während unseres Japan-Trips. Als wir zurück in den Staaten waren, hatten wir gerade mal einen Monat Zeit, um unser neues Gefährt für die nächste Reise umzubauen. Vier Freunde, ein Truck, knapp 5000 Meilen. Unser Ziel: Alaska. Das Adjektiv „bedenklich“ beschreibt diese Mission wohl am besten. Die Kraftstoffleitung musste durchschnitten werden, die Elektroanlage neu aufgesetzt und der Bohrer kam dort zum Einsatz, wo er eigentlich nicht zum Einsatz kommen sollte. Es war eine „Erfahrung“, sagen wir’s so. Durch das knappe Zeitfenster benötigten wir zudem externe Hilfe, weshalb ich mich an Lawrence wendete, dem Meister-Schrauber aus British Columbia. Nur dank seiner Hilfe konnte dieses Projekt erfolgreich abgeschlossen werden. Nach einem knappen Monat fasste unser Tank knapp 1300 Liter, im neu installierten Vordach wurde die Snowboardausrüstung verstaut und auf dem Anhänger nahmen unsere drei Sleds Platz. Perfektion? Auf keinen Fall. Aber ein Anfang. Vor allem, da sich unser Veggie-Held Tamo Campos auch noch kurzfristig dazu entschloss, uns in seinem WVO-angetriebenen Krankenwagen zu begleiten.

Tamo Campos
Justin Kious
Alaska

In Alaska angekommen, schienen sich unsere neugewonnen Karmapunkte erneut auszuzahlen. Die Locals in Valdez berichteten davon, dass es vor unserer Ankunft nur sehr wenige Tage mit guter Sicht gegeben hätten. In den neun Tagen, die wir dort verbrachten, hatten wir ausschließlich Sonne, Powder und stabile Schneeverhältnisse. Wir glichen unser Sled-Nutzung mit Hiken und Splitboarden aus und benutzten die PS-Monster nur dazu, ab und an wieder zurück zum Startpunkt unserer Lines zu kommen.

Während unserer 2200-Meilen-Heimfahrt von Alaska nach Washington bot sich der perfekte Zeitpunkt, die letzten Monate ausgiebig zu reflektieren. Alle 500 Meilen anzuhalten und den Tank mit Pflanzenöl zu befüllen wurde zur beliebten Routine und zeigte uns, dass mit etwas Mühe und Arbeit auch der Einzelne in den Kampf gegen den Klimawandel eingreifen kann. In dieser Saison wurde uns allen bewusst, dass es die alltäglichen Aktionen sind, die unsere Umwelt beeinflussen und verändern. Wer Veränderung in der Welt sehen möchte, beginnt bestenfalls in seiner eigenen kleinen Welt. Das Bewusstsein zu stärken heißt nichts weiter, als Respekt vor den kommenden Generationen zu haben.

Falls ihr diesen Text immer noch lest, besteht eine gute Chance, dass auch ihr euch für dieses Thema interessiert. Wir hoffen, dass ihr euch nicht entmutigen lasst und weiter euren Teil dazu beitragt, dass wir auch in Zukunft noch auf dem Snowboard in den Bergen unterwegs sein können. „The Middle Path“ hat nicht nur unser alltägliches Leben verändert, sondern auch unser Bewusstsein für die Welt um uns herum. Als Individuum sind wir nicht mehr als ein kleiner Tropfen im großen Teich. Zusammen können wir jedoch die Strömungen in unserer Welt kreieren. Snowboarder werden zu den Ersten zählen, die die Effekte eines labilen Klimas zu spüren bekommen. Lasst uns gemeinsam hoffen, dass das Worst-Case-Szenario nie eintritt. Falls es jedoch tatsächlich dazu kommt, wirst du aber hoffentlich zurückblicken können und sagen, dass du zumindest alles versuchst hast.

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