Marie-France Roy: Sorry, Not Sorry!

Interview
Stefan Götschl
Colin Wiseman
British Columbia
Erschienen in
Pleasure 134
Stefan Götschl

Marie-France Roy: Sorry, Not Sorry!

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Marie-France Roy entschuldigt sich. „Was ist los?“ frage ich. „Ich weiß es nicht“, antwortete sie und verstummt mit einem zögernden, schuldhaften Lächeln. Es könnte der Regen sein. Darüber hat sie aber natürlich keine Kontrolle. Wir sitzen in der Lobby eines Hotel in Campbell River, British Columbia, und diskutieren während einem faden Kontinentalfrühstück über unseren Plan B. Draußen sieht es nicht gut aus. Schwüles Nieselwetter, Nebel und zu warme Temperaturen. Es ist Tag drei unseres eigentlich gut geplanten zehntägigen alpinen Abenteuers auf Vancouver Island. Anscheinend sind wir am Arsch.

Marie-France Roy
Colin Wiseman
Marie-France Roy
Colin Wiseman

Plan A hatte gut begonnen. Zumindest für Marie, ihren Kollegen Charles Reid und ihren ehemaligen Filmer sowie Team-Manager Sean Black. Vor Kael Martins und meiner Ankunft waren sie nahe Maries kanadischer Westküsten-Heimat Ucluelet splitboarden. Eine Nacht im Backcountry, anschließend leicht erreichbare Powder-Runs und Pillows. Es war wunderbar, erzählt Marie, sie hätte fast ihre kleine Hütte vom Gipfel gesehen. Ihre Cabin hat sie mit der Hilfe von Freunden aus Lehm, Stroh und recycelten Materialien gebaut. Darin gibt es ein Biogas-System für den Ofen, Solarpaneele liefern Energie, ein Komposthaufen generiert heißes Wasser, im Garten laufen Hühner umher. Es gibt auch einen Wohnwagen, den sie an Freunde vermietet, und eine Mini-Ramp im vorderen Bereich des Gartens. Die Hütte ist Maries „Sommer-Surf-Bude“, aber zeitgleich auch ihr Zuhause. Als wir uns jedoch mit ihr oben am Mt. Cain Alpine Park trafen, war es warm und krustig. Regen, Regen und noch mehr Regen wird im Wetterbericht angekündigt. Wir entschieden uns für einige Pisten-Laps mit den Locals, dann geht es nach Campbell River – und somit zu Plan B.

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„Sollen wir nach Whistler? Dort könnte es bald Schnee geben“, schlägt Marie vor. „Oder vielleicht Revelstoke?“ Ein schwieriger Vorschlag. Eigentlich hatten wir hier auf Vancouver Island eine Mission. Berge besteigen, alte Regenwälder erkunden, über Naturschutz diskutieren. Andererseits bedeuten warme Temperaturen an der Küste oft Powder im Innenland, und wir alle haben während der nächsten Woche frei.

Marie tippt schon die Nummer eines Hotels in Revelstoke in ihr Telefon. „Mein Name ist Marie-France Roy“, sagt sie ohne einen Hauch ihres ursprünglichen Quebecer Akzents. Vielleicht ist sie deshalb traurig, denke ich. Einen
bescheuerten amerikanischen Akzent zu brauchen, um ihren On-the-Road- Lifestyle zu ermöglichen. „Sorry“, sagt sie zur Person am anderen Ende der Leitung.

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Wir sind also auf dem Weg nach Revelstoke. Während der nächsten Woche schneit es ununterbrochen. Wir fahren im Revelstoke Mountain Resort, splitboarden in der Gegend des Rogers Pass, übernachten in schäbigen und nicht-so-schäbigen Hotels, haben generell eine hervorragende Zeit unter wolkigem Himmel. Schwierig zum Filmen, spaßig zum Snowboarden. Marie ist gut drauf, scheint unbeschwert, immer bereit zum Lachen, immer bereit für Spaß.

Mit mittlerweile 35 Jahren hat sich Marie als eine der besten Snowboarderinnen schon vor langer Zeit etabliert. 2008 bekam sie von Snowboarder und Transworld den „Female Rider of the Year“-Award, sie filmte mit Absinthe und produzierte unter anderem auch ihren eigenen umweltbewussten Snowboard-Streifen. Dadurch hat sie sich mit großer Willenskraft ein gutes Leben erarbeitet. Niemand hat ihr das goldene Ticket für „Snowboard-Stardom“ gereicht. Stattdessen hat sie Vollzeit in Restaurants gearbeitet und ab dem Alter von 11 Jahren im Sommer als Hausmädchen gearbeitet.

Pleasure 134 Marie France Roy Colin Wiseman

Marie muss sich für nichts entschuldigen. Trotzdem hat sie dieses Schuldbewusstsein. Es ist der Kontrast zwischen dem entspannten Leben eines globetrottenden Snowboarders und dem Umweltaktivist, der in ihrem Herzen wohnt. Ein Traumjob und das globale Umweltbewusstsein einer Träumerin. Es hat sie jedoch angetrieben – als Stimme der Veränderung zu agieren, während sie dies gleichzeitig mit einer Karriere als Pro-Snowboarderin ausbalanciert.

Wir nutzen die Massen an Neuschnee aus, gehen anschließend getrennte Wege und treffen uns einige Zeit später wieder. Auf einem Frühlings-Trip auf Washingtons Olympic Peninsula, währenddessen auch die Fotos in diesem Artikel entstanden sind, sind wir bessere Freunde geworden. Dann haben wir gemeinsam am Crater Lake in Oregon gecampt. Ich darf Marie dabei beobachten, wie sie ihren Platz in der Welt immer besser versteht und ihr Bewusstsein sowie ihre Vision als eine Stimme der Veränderung verfestigt. Im vergangenen Sommer darf ich sie zuhause in ihrer Hütte besuchen. Nach einem Surf-Wochenende mit guten Wellen setzen wir uns am Morgen vor meiner Abfahrt für das folgende Interview zusammen. Könnt ihr meine erste Frage erraten? Sorry, Marie.

Colin Wiseman
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Marie-France Roy
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Mehr von Marie-France Roy gibt's natürlich auf Instagram. Apropos Insta. Auch Fotograf und Pleasure-Contributor Colin Wiseman ist dort vertreten. Dringende Follow-Empfehlung.

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Als wir „Upside / Downside“ zum Leitmotiv erkoren haben, hatten wir vielschichtige Ambivalenzen im Sinn, die sich aus unterschiedlichsten Blickwinkeln im Snowboarden eröffnen. Alltag und Alltagsflucht, Vergnügen und Verpflichtung, Spaß und Risiko, Freiheit und Gesellschaftszwang, Heimweh und Fernweh, Bedarf und Bedürfnis, Liftticketspreis und Kontostand, banal oder tiefschürfend. Das Heft war praktisch fertig, die Bretter für den Spring Shred gewachst – und plötzlich war die Welt aus den Fugen.