Interview: Jerome Tanon

Interview
Stefan Götschl
Jerome Tanon
Erschienen in
Pleasure 131
Eileen Broadhead

Interview: Jerome Tanon

Als Redakteur eines Snowboardmagazins trifft man so einige interessante Persönlichkeiten. Einige verdienen sogar das Prädikat "Genie". Jerome Tanon ist für mich einer davon. Die Bilder des Franzosen sind analog, anders, rau, teilweise unvollkommen und gerade deshalb so faszinierend. Sein Film "The Eternal Beauty of Snowboarding" ist ein herrlich ehrlicher Blick auf die Absurditäten der professionellen Snowboardwelt und gleichzeitig eine Liebeserklärung an all das, was Snowboarden so besonders macht. Jerome ist Fotograf, Künstler, Freigeist und Snowboarder, der durch seine analoge Art unsere digitale Welt stets ein Stück interessanter macht.

Das ganze Interview gibts im Pleasure 131 zu lesen. Ausnahmsweise mal eine Ausgabe verpasst? Kein Problem, die gibts hier zum nachbestellen oder Online abonnieren.

Dein Film „The Eternal Beauty of Snowboarding“ hat aktuell 1,3 Millionen Aufrufe auf YouTube. Warum ist der Film deiner Meinung nach so populär?

Ich bekomme bis heute enthusiastische Nachrichten von Menschen die mir schreiben, dass sie den Film auch ihrer kompletten Familie und allen Freunden gezeigt haben. Wahrscheinlich kommt ein Großteil der Aufrufe daher von einigen Ultra-Fans, die den Film schon alle mindestens 20 Mal angesehen haben. Spaß beiseite: Ich glaube „The Eternal Beauty of Snowboarding“ ist ein Film, der in unserer Snowboardkultur sehr gefehlt hat. Er hat eine große Lücke gefüllt.

 

Im Film fragst du dich, was zur Hölle du hier eigentlich machst. Stellst du dir diese Frage immer noch?

Meine Herangehensweise ist präziser als zuvor. Früher habe ich mich einfach einer witzigen Crew angeschlossen und fotografiert, was eben so passiert ist. Jetzt fokussiere ich mich auf bestimmte Trips, Fotoserien oder spezielle Ideen. All das gibt meiner Arbeit einen gewissen Sinn und minimiert das „Was zur Hölle machen wir hier eigentlich“-Problem. Trotzdem: Ja, ich stelle mir diese Frage noch von Zeit zu Zeit ... und das ist wahrscheinlich auch gut so. Ich glaube es ist sehr hilfreich, ab und an einen Schritt zur Seite zu machen um im großen Ganzen zu sehen, was man mit seinem Leben macht.

Sparrow Knox
Jerome Tanon

Du bist ein analoger Typ in dieser digitalen Welt. Schleppst eine skandalös schwere Mittelformat-Kamera inklusive haufenweise Film mit auf den Berg, nur um anschließend wochenlang auf die final entwickelten Bilder zu warten. Warum nicht den einfachen, wesentlich praktischeren Weg gehen, warum nicht digital shooten?

Wenn ich mir diese Frage stellen würde, würde ich mir vermutlich komplett bescheuert vorkommen und anschließend schnell eine digitale Kamera kaufen. Action analog zu fotografieren ist vollkommen irrsinnig – vor allem mit einer Kamera, die nur jeweils ein Foto macht, wenn man mit einer neuen 50-Megapixel-Kamera auch zehn Frames pro Sekunde machen könnte. Ich fotografiere aber nun schon seit so vielen Jahren analog, dass sich alles, was du gerade gesagt hast, normal anhört. Für mich dauert die Nachbearbeitung der Fotos oft genauso lange, wie der Trip selbst. Auch das ist normal. Hauptsächlich fotografiere ich analog, weil mir in der digitalen Fotografie die Textur fehlt. Alles wirkt zu scharf, zu deutlich. Es sieht nett aus, ja, aber wenn ich es so sehen möchte, benutze ich lieber meine Augen, die funktionieren sogar noch besser. Fotografie ermöglicht es mir, Zeichnungen zu erschaffen, Symbole, Grafiken zum Herumspielen, etwas zum Anfassen. Für all das ist „Analog“ wesentlich besser.

Victor Daviet
Jerome Tanon

Wochenlanges Warten, bis man die Bilder sieht; den Auslöser zum „falschen“ Zeitpunkt drücken. Alles Nachteile der analogen Fotografie. Dann wiederum ist es extrem bereichernd, nach langem Warten ein Foto endlich zu sehen – und ein unvollkommenes Bild kann teilweise auch interessanter als ein perfekt bearbeitetes Foto sein.

Klar, das sind Nachteile. Nicht zu sehen, ob der Style gut ist und ob der Typ vielleicht noch mal springen muss, sind echte Probleme. Man muss seinem Instinkt vertrauen. Trotzdem stimmte ich dir zu. Es ist auch unglaublich bereichernd, wenn du durch die Welt fliegst, den Rucksack voller Filmrollen hast, sie schließlich sorgsam entwickelst, scannst und zum ersten Mal das finale Bild bestaunst. Man entwickelt eine stärkere Verbindung zu seinen Bildern. Digitale Nachbearbeitung ist großartig und unerlässlich. Was mich aber am meisten an digitalen Fotos stört, ist nicht die Perfektion, sondern der Mangel an Körnung. Schau dir mal den blauen Himmel auf einem hochaufgelösten digitalen Foto an – das ist verrückt. Er sieht klar aus, glatt, ohne Struktur, als wäre er künstlich kreiert. Natürlich kann man künstliche Körnung hinzufügen, doch die echte Struktur der Pixel ist komplett frei von Körnung.

 

Du hast mal gesagt: "Wenn du etwas wirklich lieben willst, musst du auch seine schlechten Seiten kennen." Trifft auch auf Snowboarden zu, oder?

Ja. Um jemanden wirklich zu lieben, musst du auch die schlimmste Seite der Person kennen. Aus diesem Grund ist Kunst auch so wichtig. Kunst ist nicht nur hier, um die guten und schönen Seiten des Lebens zu zeigen, sondern auch die schlimmen. Die Idee hinter "The Eternal Beauty of Snowboarding" war es, zu zeigen, wie schlimm Snowboarder wirklich sind, sodass wir sie zumindest für die richtigen Gründe lieben können. Es gibt sehr viele Seiten, die an Snowboarden liebenswert sind - sobald du weisst, wie bescheuert sie doch eigentlich sind. Das Gleiche gilt in der Liebe. Menschen, die immer nur ihre gute Seite zeigen, können nie wirklich geliebt werden. Sie erzeugen diese "gehobene" Version von sich selbst, ungefähr so wie unsere Social-Media-Profile. Man zeigt nur die besten Momente, die besten Fotos von sich selbst, seine besten Leistungen. Ich mache es auch so. Wir alle machen es so, und wir müssen das ändern. Wir sollten auch unsere schlechten Gedanken, die Misserfolge, die unschönen Fotos, schlechten Angewohnheiten posten. Erst dann sind wir wieder wir selbst.

Danny Larsen
Jerome Tanon

Mehr zu Jeromes geistiger Freiheit, welche Lücke er mit seinem Film gefüllt hat und Danny Larsens legendärem Handplant-Shot, lest ihr in der Ausgabe 131. Habt ihr nicht? Skandal! Dann besser direkt hier bestellen oder – noch viel besser – Abo abschließenOnline abonnieren, Prämie absahnen und nie mehr eine Ausgabe verpassen.

Transitions – das sind die Übergänge zwischen Zuständen und Momenten, die sich aneinanderreihen zu Eindrücken und Ereignissen, die zu Erinnerungen werden und zu Erfahrungen kumulieren. Transitions – das sind die Wege, auf denen sich Veränderungen abspielen. Pleasure Ausgabe 132 widmet sich eben jenen Transitions. Viel Spaß damit.