Influencers: Torstein Horgmo

Portrait
Tassilo Hager
Erschienen in
Pleasure 121
Stefan Götschl

Influencers: Torstein Horgmo

Natürlich ist und bleibt Style das wichtigste Merkmal, um aus einem gewöhnlichen Snowboarder einen zu machen, der sich nachhaltig hervorhebt. In den Neunziger Jahren konnten sich noch einzelne Typen durchsetzen, die ihre Spins eben nicht wild rudernd runterbrachten, sondern daran arbeiteten, einen Grab zu halten und zu bonen. Heutzutage gibt es hunderte Kids, die sowohl perfekte Backside 1080s hinstellen, als auch klassische Backside Airs, von denen einer stylischer und cleaner ist als der andere. Die Differenzierung über einen Signature-Method-Look oder Nosebone-Style ist heute kaum mehr möglich. Nur durch die Verbindung von Style, technischer Progression und Kreativität kann man zur Legende der Neuzeit werden. NBD steht für „Never Been Done“ und fasst vielleicht am besten zusammen, in welche Richtung sich Snowboarden die letzten Jahre bewegt hat. Folgefonna in Norwegen, Sommer 2010. Torstein Horgmo filmt den ersten Triple Cork der Snowboardgeschichte und zieht dadurch wahnsinnig viel Aufmerksamkeit auf sich, in einer Jahreszeit, die sonst, was das Interesse der Menschen am Snowboarden angeht, eher als ruhig zu bezeichnen ist. Ein zweifelsohne wahnsinnig talentierter Snowboarder schaffte es so, aus der Masse anderer ebenfalls talentierter Fahrer herauszustechen.

Auf Pressekonferenzen ist Torstein immer höchst professionell und dennoch unterhaltsam, neben dem Snowboarden macht er Musik und natürlich hat er es sich nicht nehmen lassen seine eigene Documentary zu filmen. „Horgasm –  A Love Story“ ist mit mehreren Millionen Views alleine auf Youtube sicherlich eines der meistgesehenen Snowboard-Videos der Welt. Torstein wurde zu einem der bekanntesten Fahrer der Gegenwart. Um ihn im Team halten zu können, musste DC den Gürtel enger schnallen und sich vom ein oder anderen Fahrer verabschieden. Mit der DC x Torstein Kollektion und dem dazugehörigen Torstein-Logo wurde aus einem Fahrer plötzlich eine eigene Marke.

Torstein Horgmo

Was sein Snowboarden angeht, gibt es wohl wenige Fahrer, die so selbstkritisch mit dem persönlichen Style umgehen wie der Norweger. Sein erster Contest-Triple-Cork brachte ihm zwar X-Games-Gold, mit der Ausführung des Tricks war er aber so unzufrieden, dass er im Nachhinein behauptete, dass er den Triple lieber nicht gemacht hätte. Die Kombination aus Perfektion und Progression, gepaart mit knallhartem Ehrgeiz, zeichnet ihn aus. Was seine Persönlichkeit angeht, ließe sich Torstein Horgmo wohl gut irgendwo zwischen Trevor Andrew und Shaun White platzieren, mit dem entscheidenden Unterschied: Trotz allem „Fame“ kam er nie auf die Idee, seine Shred-Freunde durch die Stars und Sternchen der Celebrity abzulösen. Snowboarden steht für ihn immer im Zentrum.

Als wir „Upside / Downside“ zum Leitmotiv erkoren haben, hatten wir vielschichtige Ambivalenzen im Sinn, die sich aus unterschiedlichsten Blickwinkeln im Snowboarden eröffnen. Alltag und Alltagsflucht, Vergnügen und Verpflichtung, Spaß und Risiko, Freiheit und Gesellschaftszwang, Heimweh und Fernweh, Bedarf und Bedürfnis, Liftticketspreis und Kontostand, banal oder tiefschürfend. Das Heft war praktisch fertig, die Bretter für den Spring Shred gewachst – und plötzlich war die Welt aus den Fugen.