Influencers: Jamie Lynn

Portrait
Christian Öfner
Tim Zimmerman
Erschienen in
Pleasure 121
Stefan Götschl

Influencers: Jamie Lynn

Snowboarden erlebte ab 1990 eine erste Hochphase. Eine Zeit, in der Snowboarder zwar längst am Mainstream kratzten, allerdings immer noch den Charakter der Underdogs innehatten. Snowboarden war anders. Wilder, rebellischer ... und darum so interessant. Um als Snowboarder zu funktionieren, musste man sich nicht verstellen, sondern sollte vor allem so sein, wie man war. Kaum ein Fahrer verkörpert diese Phase von Snowboarding treffender als Jamie Lynn. Bis heute.

Berühmt für seine legendären Methods, fällt der Name Jamie Lynn selbst 25 Jahre später stets dann, wenn irgendwo auf der Welt der nächste Cork gelandet wird. „Style“ wurde zum in der Snowboardwelt überproportional (zu) oft verwendeten Dauerbegriff. Jamie Lynn hat diesen Begriff nicht nur maßgeblich geprägt, sondern sich die andauernden Vergleiche immerhin auch redlich verdient. Jamies Snowboarden bestand seit den Anfängen aus einer außergewöhnlichen Detailverliebtheit. Ein Method war nur dann gut, wenn er richtig gekickt wurde, ein Trick nur akzeptabel, wenn er clean war, und die eigene Basegraphic gerade schön genug, wenn Jamie Lynn sich vorstellen konnte, zwölf Monate – jedes mal beim Snowboarden – draufzuschauen.

Jamie Lynn
Tim Zimmerman

Auch das ist Jamie Lynn. Jemand, der viel Wert auf Optik legt. Früher in erster Linie in Bezug auf das Aussehen seiner Tricks, nach seinem ersten Kontakt mit einer Spraydose 1996 in New York auch was seine Kunst betrifft. Beides hat sich der Libtech-Fahrer in all dieser Zeit bewahrt. Sein Riding erinnert auch heute noch an die Videoparts alter Tage und seine Kunst ist zeitlos. Wer den aktuellen Jamie Lynn sehen will, kann auch den von vor 20 Jahren betrachten. Kein Stillstand, sondern ein Stil mit hohem Wiedererkennungswert.

Es ist der Hardcore-Typ in ihm, der den Underground nach wie vor liebt und immer wieder sucht. Halb Snowboarder, halb Künstler. Einer, im wahrsten Sinne des Wortes. Das sprichwörtliche Genie auf der einen Seite, das in der Lage ist, Farben, Motive und Emotionen auf die Leinwand zu bringen. Zum anderen der kreative Eigenbrötler, der Kunst vor allem für sich macht, nur wenig auf die Meinung anderer gibt und mit dem zu arbeiten noch nie ganz einfach war. Ein Punk, der nicht in das fröhlich, athletisch/professionelle Bild der X Games passt und gerade deshalb immer noch so beliebt und wichtig ist.

Die Zeiten haben sich geändert und Snowboarden hat sich gewandelt. Jamie Lynn hat sich mit stoischer Ruhe bewahrt, was ihn seit den Neunzigern ausmacht. Einer, der macht, was ihm gefällt, auf Trends so gut wie gar nicht anspringt und der das eigene Wohl über das der Sponsoren legt. Ein Punk. Irgendwie. Sowie der ständige Hinweis darauf, dass Snowboarden nicht das ist, was andere daraus machen wollen, sondern sich daraus ergibt, wie man es selbst gestalten will.

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