Influencers: Bryan Iguchi

Portrait
Christian Öfner
Erschienen in
Pleasure 121
Stefan Götschl

Influencers: Bryan Iguchi

Bryan Iguchi stand früh auf dem Gipfel der Snowboardwelt. Viel gefilmter und noch mehr gedruckter Held der Snowboardmedien, Halfpipe-Vizeweltmeister, X-Games- sowie Air&Style-Medaillengewinner, Idol einer ganzen Generation, Style-Ikone, Vorreiter und als Burton-Pro-Team-Fahrer Empfänger eines stattlichen Gehaltsschecks.

Und dann? Jackson Hole. Jenes Jackson Hole, das dank Travis Rice heute in aller Munde ist, damals aber vor allem am Arsch der (Snowboard-)Welt lag. Sehr viel Schnee. Sehr wenig Szene. In Jackson Hole konnte man zwar Snowboard fahren – dort damit Geld zu verdienen, war zu dieser Zeit allerdings de facto unmöglich. Was einen Snowboard-Profi notgedrungen vor ein Problem stellt. Also tat Bryan Iguchi, was er tun musste. Er kündigte! Servus, Contests. Bye Bye, Southern California. Auf Wiedersehen, Szene. Tschüss, Sponsoren. Bis irgendwann, Gehaltsscheck. Hallo Snowboarden!

Mehr Idealismus geht nicht. Nicht die Liebe zum Snowboarden unterscheidet Bryan Iguchi von anderen Enthusiasten, sondern die Abstriche, die er gewillt war zu machen, um Snowboarden weiterhin so zu lieben, wie er es sich vorstellte. Er hatte, was ihm so wichtig war, und konnte – weitestgehend fernab jeglicher medialen Wahrnehmung – mehr Tage auf dem Snowboard verbuchen als viele namhafte Pros. Ohne den Stress, ohne den Trubel und Verantwortung.

Bryan Iguchi
Andy Wright

Der mittlerweile 43-Jährige wurde zum Inbegriff des Backcountry-Experten in Jackson Hole. Wer dort Snowboard fährt, will Bryan um sich haben. Ein Nerd, der gleichermaßen Gefallen an Powderturns findet, wie an den Faktoren, die diesen umgeben. Schneeprofile werden erstellt und die Struktur (gerne auch mit einer Lupe) unter Betracht genommen. Bryan Iguchi kennt sich aus, weiß ganz genau, wie der Hase bei welcher Bedingung läuft, und kann einschätzen, wann eine Tasse Tee vor dem Kamin vielleicht doch die bessere Alternative ist. „Guch“, wie ihn seine Freunde nennen, teilte sein Wissen bereitwillig mit jedem, der ihn danach fragte. Namentlich unter anderem ein junger Rookie, der von Jackson Hole aus die Welt übernehmen sollte: Travis Rice.

Womit der Kreis sich schließt. Wenngleich unbeabsichtigt, legte Bryan Iguchi mit seiner Rolle als Snowboard-Ziehvater von Travis Rice den Grundstein dafür, dass die Snowboardwelt Jahre nach seinem Ausscheiden wieder auf ihn aufmerksam wurde. Denn kaum stieg Travis zum Superstar auf, blickte die Welt schnell auch nach Jackson Hole ... wo man auf einen alten Bekannten stieß: Bryan Iguchi, der dort seit Jahren seit Ding durchzog und unbemerkt an einem Ruf arbeitete, der erst jetzt für die Öffentlichkeit scheinbar wieder interessant wurde. Ein Idealist, der erwachsen geworden und wie Snowboarden gereift ist. Nur eben nicht zusammen, sondern geographisch wie ideologisch voneinander getrennt. Man ist geneigt zu sagen, dass es niemand mehr verdient hat, ein weiteres Mal ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rutschen, als der Idealist Bryan Iguchi. Ob Bryan das sonderlich interessiert? Wahrscheinlich nein. Der fährt immer noch vor allem gerne Snowboard. Sehr viel sogar.

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Eigentlich müsste dieses Pleasure Powder Special reißenden Absatz finden. Sofern es als Powder Special erkannt wird. Aufgrund amerikanischer Anwaltskanzleien mit erschreckendem Halbwissen, aber enormen Wadlbeißer-Qualitäten, ziert nämlich im Gegensatz zu den vergangenen Jahren der beliebte „Pleasure“-Schriftzug wieder das Cover, um jegliche mit haarsträubenden Argumenten heraufbeschworene Verwechslungsgefahr mit einem nordamerikanischen Ski-Magazin zu vermeiden. Halleluja, soweit kommt’s noch.