Free Ride Europe

Travel Story
Björn Köcher
Julius Leuthold
Europa
Erschienen in
Powder Special 2019
PLSR-Online

Free Ride Europe

Die Europawahl – besser gesagt die neunte Direktwahl zum Europäischen Parlament – steht ins Haus. Klingt langweilig, ist aber wichtig und sollte ein Pflichttermin für uns sein, die wir von der grenzübergreifenden Freiheit eines geeinten Europas ganz besonders profitieren.
Wir sollten es uns nicht nehmen lassen, unsere Stimme denjenigen zu geben, die sich auf politischer Ebene für den Erhalt der europäischen Idee, aber auch für den Schutz unserer Natur einsetzen. Denn wachsende Fremdenfeindlichkeit, zunehmend nationales Denken und die Auswirkungen des Klimawandels bedrohen weit mehr als nur unseren Sport.

Wem das zu dramatisch klingt, der muss sich im Klaren darüber sein, dass das, was unser Autor Björn Köcher auf seinem zweimonatigen Snowboard Roardtrip quer durch Europa erleben durfte, nicht selbstverständlich ist: Offene Grenzen und offene Türen. Das Wiedersehen mit alten und das Kennenlernen von neuen Freunden. Naturbelassene Bergkulissen und zahllose Powderlines in den verschiedenen Gebirgen Europas. Seinen Reisebericht solltet ihr deshalb auch als Warnung und Appell verstehen, die Zukunft – eure Zukunft – nicht einfach Anderen zu überlassen, sondern klüger zu sein und sie besser selbst aktiv mitzugestalten.


Dieser Artikel erschien original im Pleasure Powder Special 2019. Direkt HIER bestellen oder – noch besser – abonnieren, Prämie absahnen und Geld sparen.

Björn Köcher
Julius Leuthold
Defreggental

„Was ich lieb’? Snowboarden - und das seit 25 Jahren. Und was ich hass’? Dafür mit ’nem Flugzeug um die ganze Welt zu jagen. Was ich lieb’? Freunde in ganz Europa haben. Und was ich hass’? Für jeden Trip ein Visum beanzutragen. Was ich lieb’? Kalte Winter und nipple deep im Schnee. Was ich hass’? Nieselregen, Donald Trump und Nestlé.“

Ok, ich kann zugegebenermaßen nicht sonderlich gut reimen, aber ich liebe die ehemalige Münchner Rap-Crew Blumentopf - und mindestens genauso sehr Snowboarden. Im Gegensatz dazu nervt mich hart die anhaltende Umweltzerstörung wider besseren Wissens in unserer Gesellschaft, genau wie der europaweit zunehmende Nationalismus. Deshalb habe ich vor genau einem Jahr meinen Job gekündigt, mich in ein Wohnmobil gesetzt und bin von Hamburg aus zwei Monate lang durch zehn europäische Länder gefahren - unter anderem in einige ehemalige Ostblockstaaten, zu einem Tiroler Freeride-Geheimtipp, in ein uriges Schweizer Hochtal und in die Pyrenäen. Dort bin ich mit Locals Freeriden gegangen und habe mit ihnen Zeit in privaten Küchen, an Bartresen und in Saunafässern verbracht. Ich habe das vor allem für mich gemacht. Aber ein kleines bisschen auch für euch, die ihr in einem sicheren Europa und einer einigermaßen intakten Natur aufgewachsen seid. Denn Beides scheint massiv und unumkehrbar in Gefahr.

Bevor es gleich ausführlich um Snowboarden geht: Ja, ich habe mich selbst gefragt, ob es legitim ist, fast 9.000 Kilometer quer durch Europa zu fahren und dabei rund vier Tonnen zur Klimaerwärmung beitragendes Kohlendioxid in die Luft zu jagen. Vor allem, wenn es bei der Story unter anderem um die Botschaft gehen soll, dass sich jeder von uns - insbesondere jeder von uns Snowboardern - deutlich mehr über Klimaschutz Gedanken machen und - noch wichtiger - deutlich mehr aktiv einbringen und handeln müsste. Mein Kompromiss: eine CO2-Kompensationszahlung an die Non-Profit-Klimaschutzorganisation Myclimate, die Projekte zur Reduzierung des globalen CO2-Ausstoßes finanziert. Zumindest ein kleiner Schritt hin zu einem (umwelt-)bewussteren Snowboarden.

Nun bin ich also von Hamburg aus über das Vogtland, das Erz- und das Riesengebirge, die Hohe und die Niedere Tatra nach Slowenien und anschließend von Ost nach West einmal quer durch die Alpen gefahren, um zum Abschluss mein „erstes Mal“ in Andorra und in den spanischen Pyrenäen zu haben. Meinen Ausweis brauchte ich dabei lediglich an ein paar Campingplätzen, aber an keiner Grenze. Einen Reisepass oder gar ein Visum benötigte ich überhaupt nicht.
Geld habe ich zwei Mal gewechselt. Die Gasflaschen für den Kocher und für
die Heizung dafür deutlich häufiger. Empfangen wurde ich immer mit offenen Armen. Von Männern und Frauen. Von Snowboardern und Skifahrern. Und fast immer von Menschen mit anderer Nationalität als meiner eigenen. Es hat nie einen Unterschied gemacht, dafür eine Menge Spaß - hier nun für euch meine Highlights dieses „Once-in-a-Lifetime“-Roadtrips, dem ich den Namen „Free Ride Europe“ gegeben habe und der ein Plädoyer dafür ist, dass wir nicht in kurzer Zeit kampflos aufgeben sollten, was Generationen vor uns in langem Kampf aufge- baut haben: die europäische Idee. Und dass wir im Gegenzug unsere Umwelt pfleglicher behandeln, als dies eben jene Generationen bisher getan haben.

 

Björn Köcher
Hohe Tatra

DER WILDE OSTEN

Nach kurzen Zwischenstopps bei dem ehemaligen Snowboardfilmer René Eckert im sächsischen Vogtland und in der neuen BuddyBuddy-Snowboards-Manufaktur im Erzgebirge, überschreite ich die erste Grenze der Tour und erreiche das Riesengebirge mit seinem Hauptskiort Špindleruv Mlýn. Einem Tipp folgend parke ich meinen Sechs-Meter-Vierzig-Van, der die nächsten acht Wochen
das rollende Zuhause für mich und meine Gäste sein soll, im Nebenort Horní Mísecky. Hier hat man einen entspannten Einstieg in das tschechische Skigebiet rund um den 1.340 Meter hohen Medvedín. Es liegt im Nationalpark Krkonoše, in dem Freeriden offiziell nicht erlaubt ist. Die hier im Winter ansässige Crew von Gara Splitboards inklusive Gründer Ota Tyl nimmt mich aber trotzdem mit auf ein paar entspannte untracked Tiefschnee-Runs - und am Abend geht es dann ausgestattet mit einer Flasche Wein und Skistöcken in ein Holzofensaunafass. Das befindet sich passenderweise direkt neben der noch winzig kleinen Elbe, die im Nationalpark entspringt und uns halb zugefroren als weltbestes natürliches Abkühlbecken zwischen den Saunagängen dient. Auf dem Weg ins und aus dem eiskalten Wasser, lerne ich schnell zu schätzen, dass mir die Jungs zuvor mit einem wissenden Lächeln die Skistöcke in die Hand gedrückt hatten.

Vor meiner Abreise bekomme ich den gut gemeinten Ratschlag, meinen nächsten Stopp im polnischen Teil der Hohen Tatra aufgrund des vorhergesagten Wetters zu überdenken und stattdessen in die nur wenige Fahrstunden entfernte Niedere Tatra in der Slowakei zu fahren. Natürlich halte ich mich nicht daran und breche über gut ausgebaute tschechische Autobahnen, tief verschneite Landstraßen und einen unbesetzten Grenzübergang auf in den polnischen Wintersportort Zakopane. Diese Fahrt ist eine der schönsten Teilstrecken des gesamten Trips: alte Industrieanlagen, graue Dörfer und prächtige Holzhäuser mit aufwändigen Schnitzereien wechseln sich ab mit tiefdunklen Wäldern und schneeweißen Feldern. Angekommen in Zakopane schneit es ununterbrochen und Nebel nimmt jegliche Sicht. Gleichzeitig geht mir langsam das Propangas aus, mit dem ich meinen Camper-Van nachts auf angenehme 16 Grad Celsius heize. Meine Stimmung sinkt. Im Schlafsack in der Essecke sitzend, versuche ich der miesen Stimmung mit polnischem Bier gegenzusteuern und erinnere mich an den Tipp mit der Niederen Tatra.

24 Stunden später stehe ich auf einem wilden Parkplatz in der Nähe des slowakischen Skigebiets Jasná. Obwohl der Ort ein Freeride-World-Qualifier-Tourstopp ist, hatte ich noch nie etwas von ihm gehört und die Niedere Tatra hatte für mich immer den Status eines gewöhnlichen Mittelgebirges. Als ich mich nach Pasta mit Pesto und einer kleinen Recherche im Internet mit Mütze, Schlafsack und Decke in meinem Bett verkrieche, ahne ich noch nicht, dass der folgende Tag eines der Freeride-Highlights der gesamten Tour werden sollte. Das wird mir aber schnell klar, als ich frühmorgens im Lift zum 2.024 Meter hohen Chopok sitze. Der Bergipfel liegt in der Mitte einer geschätzt 20 bis 30 Kilometer breiten Bergkette, die nordseitig geprägt ist durch gefühlt Hunderte sich aneinanderreihende Couloirs zwischen 35 und 50 Grad. Nach dem zweiten First-Track-Run treffe ich einen slowakischen Freerider, der mich den Rest des Tages begleitet. Leider muss ich noch am Abend irgendwie weiter nach Österreich, da die Propangasflaschen nun endgültig leer sind und ich mir nun nicht mal mehr Wasser aufkochen kann. Doch wirklich stören tut mich das in dem Moment wenig - ich spüre vor allem Dankbarkeit für diesen unerwartet genialen Tag.

 

Björn Köcher
Niedere Tatra

DOCH KEIN ECHTER SLOWENE

Mittlerweile ist mit Julius Leuthold ein befreundeter Fotograf und Filmer aus Berlin an Board des Free-Ride-Europe-Camper-Vans, der mich die nächsten Tage sowie am Ende des Trips für fast zwei Wochen begleiten wird. Unser erstes gemeinsames Ziel: der Triglav - mit 2.864 Metern der höchste Gipfel Sloweniens. Man sagt, ein echter Slowene muss mindestens einmal in seinem Leben auf dem Triglav gestanden haben. Wir wollen es im Winter mit Splitboard und Ski versuchen. Allerdings Mitte Februar, statt wie gewöhnlich im April oder Mai. Und in einem der schneereichsten Winter der letzten Jahre. Der Plan ist irre, das merken wir nach einigen Gesprächen mit ortsansässigen Bergführern. In den letzten Wochen sei keiner mehr da oben gewesen, heißt es. Keiner weiß, wie es um die Lawinengefahr in der Region bestellt ist. Wir brechen trotzdem auf, um uns ein eigenes Bild zu machen. Nach einem Drittel der Strecke brechen wir ab. Die Vernunft siegt. Schließlich heißt es nicht umsonst: „Only an old freerider is a good freerider“.

Zurück im Van diskutieren wir Alternativen und entscheiden uns für den Vrsic-Pass. Die von Slowenien nach Italien führende Passstraße ist im Winter geschlossen und bietet so auch für Tourengeher ohne Ortskenntnisse eine gute Orientierungshilfe. Wir stellen also unseren Camper Van am nächsten Morgen an der letztmöglichen Stelle direkt an der Straße ab und fellen unsere Splitboardsund Ski auf. Neben und auf der schneebedeckten Straße steigen wir zum 1.611 Meter hohen Pass auf. Oben angekommen empfängt uns ein eisiger und ziemlich heftiger Wind. Wir suchen Schutz an einem kleinen Kiosk, der vermutlich an einem Parkplatz auf dem Vrsic-Sattel steht, essen unsere Brote und Äpfel und überlegen, wie wir mit den Warnungen der uns entgegenkommenden Skitourengeher umgehen sollen, die uns auf die hohe Lawinengefahr hinweisen. Auch in diesem Moment siegt die Vernunft, obwohl wir schon ein wenig gefrustet sind, dass nach der Triglav- nun auch noch die Mala-Mojstrovka-Pleite folgt, denn auf den 2.332 Meter hohen Berg sollte unsere heutige Tour führen. Slowenien und ich haben also noch eine Rechnung offen.

 

DER VERGESSENE TEIL TIROLS

Als ich Bene Heimstädt, dem Herausgeber dieses wunderbaren Magazins, das du gerade in deinen Händen hältst, verriet, dass ich auch einen Stopp in Osttirol - genauer: im Defereggental - plane, fragte er skeptisch, was ich da denn wolle. Klar: Gegen die anderen Roadtrip-Stopps wie Alagna, Arlberg, Corvatsch oder La Grave klingt St. Jakob in Defereggen eher wie Halle an der Saale gegen Hamburg, München oder Berlin. Aber genau so wie Halle seine schönen Seiten hat, wusste ich von Mitgliedern der Hamburger Freeride Community Fischkoppriding, dass es im Defereggental ausgezeichnete Freeride-Tourenmöglichkeiten gibt und dass da auch drei Tage nach dem letzten Schneefall noch nicht alle leicht erreichbaren Hänge verspurt sein würden. Also ließ ich mich nicht beirren, kontaktierte den Freeridetourenguide und Local Daniel Kleinlercher und machte mit ihm ein Treffen am Staller Sattel klar. Dieser im Winter gesperrte Pass zwischen dem Defereggental in Osttirol und Antholz in Südtirol ist der perfekte Start für Freeridetouren, denn man kann mit dem Bus oder dem Auto auf gut 2.000 Meter Höhe fahren und so ohne Liftticket einiges an Aufstiegshöhenmetern sparen.

Auch wir starten mit Daniel am Staller Sattel und gehen südlich der Passstraße in Richtung des Rote- Wand-Gipfels - eine klassische Skitour in dieser Region. Hier sehen wir auch noch weitere Tourenge- her. Kurz vor dem finalen Anstieg biegt Daniel plötzlich nach rechts in Richtung eines ca. 200 Meter über uns liegenden Grats ab. Wir stoppen, fellen ab und schnallen unsere Boards auf die Rucksäcke. Weiter geht es jetzt nur noch zu Fuß und in Falllinie zum Berg straight bergauf. Wir befinden uns fast auf der Grenze zu Italien. Das interessiert in dem Moment aber niemanden, denn alle wollen nur den in der prallen Sonne liegenden, lawinenkegeldurchzogenen Hang hinter sich lassen. Auf dem Grat dann ein zufriedenes Lächeln in Daniels Gesicht: „Das hatte ich gehofft: Keine einzige Spur. Ich glaube, das wird gut“.
Mit dem nötigen Sicherheitsabstand droppen wir einer nach dem anderen in den herrlich kupierten Hang. So muss Freeride sein: ein bisschen Schweiß, ein bisschen Nervenkitzel und dann eine perfekte untracked Powderabfahrt. Wir kommen ziemlich stoked am Pass an. Ich muss kurz an Bene denken und kann mir ein verschmitztes Lächeln nicht verkneifen.

 

Julius Leuthold
Defreggental
Julius Leuthold
Defreggental
Manuel Palacios
Julius Leuthold
Val d'Aran

Nach dem Zwischenstopp in Osttirol folgen ein kurzer Besuch bei Amplid-Teamfahrer Jonel Fricke und „Delayon Eyewear“-Gründer Nicolas Metz in Innsbruck, Shredden mit Freunden in St. Anton und Stuben sowie mein erstes Mal Freeriden am Corvatsch, gemeinsam mit den Schweizer Snowboardlegenden Franco Furger und Patrick Koller.

Mittlerweile ist es Anfang März und vier Wochen meiner Reise sind bereits vorüber. Das „Propangaslager“ ist aufgefüllt und meine Lust auf Snowboarden ungebremst. Ich genieße die eher einsamen Abende alleine im Camper Van genauso, wie die Treffen mit zahlreichen hilfsbereiten Menschen. Beides resultiert in Eindrücken, die mein Leben auch zukünftig unter anderem mit mehr Toleranz und Offenheit bereichern werden.

Jonel Fricke
Björn Köcher
Nordkette

GOMS? NIE GEHÖRT!

Offenheit zeigen auch drei Schweizer Jungs, die ich bis kurz vor Beginn des Roadtrips nur als „Freshies Crew“ auf Instagram kannte: René Keiser, Salomon Frei und Stefan Monn. Als ich meine Reisepläne öffentlich machte, kamen sie direkt auf mich zu und luden mich zu ihnen ins mir bis dato unbekannte 300-Seelen-Dorf Oberwald im Walliser Hochtal Goms ein. Obwohl wir außer unseren persönlichen Instagram-Welten nichts voneinander wussten, zögerte ich keine Sekunde mit der Zusage. Nun sitze ich also entspannt in meinem Van, der auf einem Autozug durch den Furkatunnel gefahren wird - im Winter der einzige Zugang von Osten her in das Hochtal. Obwohl die Dächer der urigen Häuser mit meterdicken Schneeschichten bedeckt sind, steht es aufgrund des Regens der letzten Tage nicht sonderlich gut um die Schneebedingungen. Deshalb steigen wir nicht zur kleinen Berghütte der Freshies am im Winter ebenfalls geschlossenen Grimselpass auf, sondern bleiben in deren Ferienwohnung in Oberwald. Von hier aus geht es gemeinsam mit Crew-Hund Calou trotz suboptimaler Bedingungen auf die umliegenden Berge und am letzten Tag für eine schöne Tour ins benachbarte Tessin nach All’ Acqua.
Während sich nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt in Ander- matt die Ski-Bums und Freeride-Junkies um die ersten Liftfahrten streiten, scheint im Goms die Zeit stehengeblieben zu sein. Entsprechend entspannt sind die Tage mit den Freshies - sowohl am Berg, wo sich alle blind zu verstehen scheinen, als auch abends beim gemeinsamen Kochen und Diskutieren. Doch das eigent- liche Highlight ist das Brot, das sie mir zum Abschied mitgeben. Es stammt aus dem sogenannten „Bachhüs“, in dem bis vor gut 100 Jahren das gesamte Dorf regelmäßig seine Brote buk und das vor einigen Jahren auf Bürgerinitiative renoviert worden ist. Ich erwähne das hier, weil das Bachhüs nicht nur ein wichtiger Ort für die Brotherstellung war, sondern auch ein sozialer Treffpunkt, um miteinander zu reden, einander zuzuhören und Probleme zu diskutieren - etwas, was in unserer gesamten von Internet und Social Media versauten Gesellschaft abhanden gekommen zu sein scheint. In Oberwald passiert das mittlerweile zumindest zwei Mal im Jahr wieder, wenn die Freshies gemeinsam mit anderen Dorfbewohnern beim „Altjahrsbachätä“ im Winter und beim „Bachhüsfäscht“ im Sommer die alte Backtradition wiederbeleben.

 

Björn Köcher
Goms

HIGHLIGHT: DIE PYRENÄEN

Von der Schweiz geht es ins italienische Freeride-Mekka Alagna und nach dem erneuten Pick-up von Julius in Mailand weiter ins französische La Grave. Hier verbringen wir aber erst einmal eine Nacht auf der Straße - zum Glück im gut beheizten Van: Die Zufahrtsstraße nach La Grave wurde kurzfristig wegen eines Steinschlags gesperrt. Als ob das und Freeriden mit La-Grave-Local Jean-Louis St-Arneault nicht schon aufregend genug gewesen wäre, geht es anschließend entlang der französischen Mittelmeerküste zu unserem letzten großen Abenteuer des Free Ride Europe Roadtrips: den Pyrenäen.

Erster Stopp: Andorra. Die Natur und Architektur auf dem Weg hierher sieht aus wie Sommerurlaub an der spanischen Mittelmeerküste - nur mit schneebedeckten Berggipfeln statt Bettenburgen. Andorra selbst - also vor allem die Hauptstadt Andorra la Vella - ist eher okay statt wirklich schön. Ein zubetoniertes Tal halt. Wir entscheiden uns mit Grandvalira für das mit mehr als 200 Pistenkilometern größte der drei Skigebiete in Andorra. Hier kann man gerne auch mal Carving-Gott Tyler Chorlton auf seinem Ellenbogen vorbeirauschen sehen. Wir versuchen uns aber eher abseits der Pisten und finden mit einem nur 30-minütigen Aufstieg zwei schöne Couloirs.

Julius Leuthold
Mittelmeerküste
Julius Leuthold
Mittelmeerküste

Weiter geht es zurück nach Spanien. Wir sind mit Manuel Palacios verabredet, dem ehemaligen Marketing Manager von Quicksilver/Roxy, Gründer der „Aran Powder Company“ und Salomon-Ambassador. Wir kommen erst spät in Andorra los und erreichen Viehla, die 4.000 Einwohner
zählende Hauptstadt des Val d’Aran, deshalb erst gegen Mitternacht. Passt also sehr gut, dass uns Manuel am nächsten Morgen gemeinsam mit zwei seiner Freunde um 5 Uhr in der Früh abholen will, um eine gemeinsame Splitboardtour zu starten. Wir haben so gar keine Lust. Doch spätes-
tens als der Wasserkocher zu brodeln anfängt und der Kaffee in Sichtweite zu sein scheint, sind wir einfach nur noch geil auf Schnee und Abenteuer.
Manuel lotst uns zu einem kleinen Parkplatz in einem Seitental. Im Schein unserer Stirnlampen begrüßen wir mit Jordi Domenech einen weiteren von Manuels Freeride Buddys, fellen die Splitboards auf und starten gegen 6 Uhr mit dem Aufstieg. Bald können wir die Stirnlampen in den Rucksack packen und gegen 8 Uhr hat es die Sonne dann endlich über die umliegenden Berge geschafft und wärmt uns zusätzlich zu Manuels Aufstiegstempo - dabei legt er die anstrengende Aufstiegsspur durch den größten- teils unberührten Schnee ganz alleine.
Die Baumgrenze liegt in den Pyrenäen mehrere hundert Meter höher als in den Alpen, weshalb es sich hier insgesamt gar nicht so hoch anfühlt. Trotzdem befinden wir uns plötzlich auf gut 2.200 Metern und sehen nur unverspurtes Terrain. Noch zwei Mal werden wir an diesem Tag mit unseren Splitboards aufsteigen. Der Schnee ist fantastisch. Die folgenden Tage, die wir vorrangig im absolut Freeride tauglichen Skigebiet Baqueira-Beret, in Manuels unglaublich gemütlichen Apartment oder mit Jordi in der Craftbier-Bar „Refu“ verbringen, sind ähnlich grandios, wie der Schnee und die spanischen Berge. Nirgendwo sind wir so freundlich und interessiert empfangen worden wie hier. Nirgendwo wollen wir am liebsten noch länger bleiben. Und nirgendwo wollen wir lieber irgendwann mal wieder hinfahren. Snowboarden in den Pyrenäen ist unser neues Sehnsuchtsziel. Snowboarden mit Manuel, Jordi und dem Rest der Crew.

 

Manuel Palacios
Julius Leuthold
Val d'Aran

Trotz schlechter Wetteraussichten wollen wir uns zum Schluss noch einen spanischen Freeride-Geheimtipp anschauen: das katalanische Bergdorf Tavascán. Hier treffen wir - und da schließt sich auch ein wenig der Kreis meines zweimonatigen Free Ride Europe Roadtrips - den Tschechen Míra Kube, der Teil der Gara Splitboard Crew ist und seit einigen Jahren auf einem alten Bauernhof hier in Tavascán lebt. Da es regnet, treffen wir ihn nicht auf seinem Splitboard, sondern Matetee trinkend in der Hütte an der Liftstation des aus lediglich drei Liften bestehenden Skigebiets. Später besuchen wir ihn noch auf seinem Hof, wo er auch Gäste unterbringen kann, und sprechen mit ihm über die vielfältigen Freeridemöglichkeiten der Region, die unglaublich inspirierende Natur und den glücklichen Umstand, dass er als gebürtiger Tscheche so unkompliziert in Spanien leben kann.

 

Míra Kube
Björn Köcher
Julius Leuthold
Tavascán

Die zweitägige Rückfahrt nach Hamburg wird vergleichsweise still. Julius und ich beginnen zu realisieren, was für eine außergewöhnliche Zeit hinter uns liegt. Und gleichzeitig sorgen wir uns vor dem, was es wohl für unsere Zukunft bedeuten wird, wenn Roadtrips wie diese aufgrund sich schließender Grenzen, zunehmender Fremdenfeindlichkeit und fehlendem Schnees nicht mehr so leicht möglich sein werden. Schließlich soll - und darf - es kein „Once-in-a-Lifetime“-Abenteuer gewesen sein.

~ FREE RIDE EUROPE ~

Dieser Artikel erschien original im Pleasure Powder Special 2019. Direkt HIER bestellen oder – noch besser – abonnieren, Prämie absahnen und Geld sparen.

Mehr von unserem Autor Björn Köcher gibt's auf Instagram unter @bjoekoe und auf seinem Blog st-bergweh.de. Absolute Lese/Follow-Empfehlung.

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Transitions – das sind die Übergänge zwischen Zuständen und Momenten, die sich aneinanderreihen zu Eindrücken und Ereignissen, die zu Erinnerungen werden und zu Erfahrungen kumulieren. Transitions – das sind die Wege, auf denen sich Veränderungen abspielen. Pleasure Ausgabe 132 widmet sich eben jenen Transitions. Viel Spaß damit.