Das Egoistische Über-Ich: Über ... Nike

Das Egoistische Über-Ich
Christian Öfner
Erschienen in
Pleasure 116
Stefan Götschl

Das Egoistische Über-Ich: Über ... Nike

„Mit einem lauten Knall rein – mit einem leisen Pffff raus.“ So könnte man das dritte erfolglose und nun ebenfalls beendete Intermezzo des größten Sportartikelherstellers der Welt im Snowboarden beschreiben. Freuen sich seitdem: Die Besserwisser, die ihre Zweifel seit Beginn (online!) in die Welt getragen haben. Hält sich bedeckt und führt Selbstgespräche: Das Egoistische Über-Ich.

Hörst du dieses Sausen?

Was?

[Swoooooooooooooooosh]

Da. Schon wieder.

Ach das. Das ist die schnellste Eintritts- und Exit-Strategie in der Geschichte des Snowboardmarkts.

Ein betriebswirtschaftliches Meisterwerk?

Zweifelsohne. Stell’s dir so vor: Du bist auf der Suche nach Sex ...

So weit kann ich dir folgen.

Sehr gut. Zwar landest du schon sehr häufig in der Kiste, doch ist dir das längst noch nicht oft genug und du willst deshalb immer noch mehr Sex. Mehr, mehr, immer mehr. Nur über das „wie“ herrscht Unstimmigkeit. Weder kannst du sagen, ob du auf der Suche nach einem One Night Stand bist oder dir die große Liebe erhoffst, noch wie die Person aussehen soll. Dunkle Haare gegen blonde, groß oder klein, dick oder dünn. Du weißt noch nicht mal, ob du schwul bist und das andere Geschlecht bevorzugst.

Das versteh’ ich nicht.

Keine Sorge, die Strategie von Nike versteht auch niemand. Wichtig ist nur: Du willst etwas unbedingt – in diesem Fall „mehr Sex“.

Und das Problem?

Wie gesagt: Du willst unbedingt Sex ... und nachdem du dich nicht einschränken kannst, lässt du dir alle Optionen offen. Du gehst in Bars und sprichst dünne Mädchen an, verabredest dich mit dicken alten Frauen für einen Spaziergang ums Seniorenheim, meldest dich auf einer Dating Plattform für Schwule an, buchst teure Romantikreisen, machst diverse Versprechungen, verteilst ein paar Verlobungsringe ... 

Du wolltest auf das Problem kommen!

Wichtig ist, dass du dir vor Augen hältst, dass du während der ganzen Zeit nur ein einziges Ziel hattest, das dich angetrieben hat: mehr Sex. Der Rest war lediglich eine Notwendigkeit, um das Primärziel zu erfüllen.

Das PROBLEM bitte!

Es kommt der Punkt, an dem dir klar wird, wonach du wirklich suchst. Du realisierst, dass du doch nicht schwul bist, dass du schwarzhaarige Frauen nicht ausstehen kannst, dass du mit ukrainischen Hammerwerferinnen nichts anfangen kannst, dass ein Altersunterschied von über 30 Jahren deine Lust hemmt ... und so weiter, und so weiter. Ab sofort weißt du also, dass du mit diversen Menschen – aus unterschiedlichen Gründen – keinen Sex haben kannst oder willst. Nur leider haben sich die schwarzhaarige Steffi, die dicke Melli und die alte Hildegard längst in dich verliebt. Außerdem hast du Petra, Johanna und Vanessa versprochen, sie im Frühling zur Frau zu nehmen und die Hochzeit(en) auch schon bezahlt. Die Flüge, die du Jimmy, Johnny und Joey nach Mykonos, San Francisco und Phuket versprochen hast, sind zu allem Überfluss ebenfalls schon gebucht und lassen sich nicht mehr stornieren.

Und jetzt sind alle sauer, weil ich sie fallen lasse?

Man ist vor allem sauer, weil du dich als etwas ausgegeben hast, was du nicht bist. Gutgläubig wurde dir der Gutmensch abgekauft, der wirklich an Snowboarden interessiert ist. Der es jetzt – im dritten Anlauf – ernst meint. Aber nein! Du wolltest von Anfang an nur eines: f***en.
Bist mit deinem Geld in die Bar und hast uns die Frauen (und Männer) vor der Nase weggeschnappt. Steffi, Vanessa und Rainer sind jetzt allerdings verstört, haben nach dem Liebeskummer den Glauben an die Männerwelt verloren ... und wir schauen immer noch durch die Finger, obwohl du kein Interesse mehr an ihnen zeigst.

Faszinierend! Und damit kann man Geld verdienen?

Keineswegs. Musst du aber auch nicht. Mit den Mietwohnungen, die dir dein reicher Onkel aus Portland vererbt hat, verdienst so viel Asche, dass dir der Verlust egal sein kann. Hauptsache am Ende kommt dabei raus, was du dir vorstellst.

Jetzt ist das Sausen übrigens weg. Ich höre es gar nicht mehr.

Sei mal ganz still! Hörst du die Tränen?

Ohja. Ganz leise. Scheint nah zu sein. Was ist das?

Skateboarden. Auf das will Nike jetzt vermehrt setzen ... dort sieht man ein größeres Wachstumspotenzial.

Eigentlich müsste dieses Pleasure Powder Special reißenden Absatz finden. Sofern es als Powder Special erkannt wird. Aufgrund amerikanischer Anwaltskanzleien mit erschreckendem Halbwissen, aber enormen Wadlbeißer-Qualitäten, ziert nämlich im Gegensatz zu den vergangenen Jahren der beliebte „Pleasure“-Schriftzug wieder das Cover, um jegliche mit haarsträubenden Argumenten heraufbeschworene Verwechslungsgefahr mit einem nordamerikanischen Ski-Magazin zu vermeiden. Halleluja, soweit kommt’s noch.