"Drink Water" wurde zu einer globalen Bewegung. Bryan Fox und Austin Smith setzen ein Zeichen.

Keep it simple: Drink Water

Portrait
Stefan Götschl
Manu Endress

Keep it simple: Drink Water

Der nächste 20-Meter-Kicker, die nächste Powder-Line. Wer die nötige Energie dafür braucht, muss nicht unbedingt zur Energy-Dose greifen. Manchmal reicht auch schon ein anständiger Schluck Leitungswasser. Genau das ist die Idee hinter "Drink Water". Absurd simpel – und gerade deshalb so einleuchtend.

Eigentlich war das Ganze nur ein Witz. Bryan Fox und Austin Smith waren einfach von der erdrückenden Energy-Drink-Präsenz in der Snowboardwelt genervt. Anstatt sich auf das Negative zu konzentrieren, blieben die beiden gewohnt humorvoll. Ein Edding wurde ausgepackt und das Brett mit "Drink Water" beschriftet. Typisch für Bryan und Austin. Beide sind langjährige Pros, wohnen ab und an im umgebauten Feuerwehrauto, haben zusammen unzählige Videoparts gefilmt und bewegen sich mit einer angenehmen Portion Selbstironie durchs Leben. "Mal ganz abgesehen vom gesundheitlichen Aspekt, wir hatten damals einfach kein Interesse, ein Produkt zu unterstützen, das im Grunde niemand braucht“, sagt Austin. "Wer Durst hat, trinkt am besten Leitungswasser und keinen Energiedrink. Diese Message wollten wir verbreiten und darum haben wir Drink Water ins Leben gerufen."
 

"Drink Water" wird zur globalen Bewegung

Heute, gut fünf Jahre später, hat sich der Witz zur globalen Bewegung entwickelt. In nahezu jedem größeren Gebiet sieht man Hoodies, Jacken, T-Shirts, Beanies oder Sticker mit dem markanten Wasserhahn-Logo. Typen wie Terje Håkonsen, Louif Paradis, Scotty Wittlake, Alex Yoder, Blake Paul, Curtis Ciszek, Tim Eddy oder Josh Dirksen stehen voll und ganz hinter dem Projekt. Allesamt Namen, die wohl ohne Probleme einen lukrativen Energy-Drink-Deal unterzeichnen könnten, sich jedoch bewusst dagegen entschieden haben. 

Auch Austin hatte schon die Möglichkeit, einen solchen Vertrag zu unterzeichnen: "Natürlich habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was ich mit dem Geld alles anstellen könnte. Aber ich brauche keine extravaganten Dinge. Mein Auto ist fast genauso alt wie ich selbst und mit einem neuen würde es mir auch nicht besser gehen. Im Gegenteil: Durch das Geld dieser Konzerne würde ich mich moralisch schlecht fühlen. Das Gleiche gilt für das gesamte Drink-Water-Team."

Drink Water. Absurd simpel und deshalb so einleuchtend
Curtis Ciszek
Bryan Fox
Austin Smith
Darcy Bacha
Mt. Hood

Kids ahmen ihre Idole nach. Ein Fakt, den mancher Pro-Snowboarder heute zu vergessen scheint. Bryan und Austin hoffen, dass die kommende Generation zum Nachdenken anregen können. "Aus diesem Grund sind wir hier", so Bryan. "Um den Kids zu zeigen, dass all die Brause nicht nötig ist, um Spaß zu haben und erfolgreich zu sein. Wir sagen: ‚Hey, der Shit ist schlecht für dich. Du bekommst vielleicht Kohle, aber willst du wirklich ein Marketing-Tool für etwas sein, hinter dem du gar nicht wirklich stehst?"

Ideologie hin oder her. Fakt ist auch, dass Energy-Drink-Firmen sehr viel Geld in die Snowboardindustrie pumpen. Mehr Geld, als die meisten Snowboard-Brands bieten können. Geld, mit dem spektakuläre Events auf die Füße gestellt werden, so ziemlich jeder Snowboardfilm finanziert wird und nicht wenige Pro-Snowboarder über Wasser hält. Trotzdem: All das hat seinen Preis, wie auch Austin findet: "Mal ganz abgesehen vom Produkt selbst … was ist mit dem Image, das diese Firmen Snowboarden aufdrängen? Ist Snowboarden wirklich nur Actionsport? Ich bin am Mount Baker in Washington aufgewachsen, wo die Leute so ‚real‘ sind, wie man das überhaupt nur sein kann. Die Typen dort verbringen 100 Tage pro Saison auf dem Brett, mit irgendwelchem alten Material, das von Duct Tape zusammengehalten wird. Egal ob es regnet oder schneit – sie stehen am Straßenrand und trampen zum Berg, um snowboarden zu können. Und das ist es doch, worum es geht.“ Snowboarden würde ohne Energy-Drinks also besser dastehen? Austin stimmt zu: "Wenn Snowboarden nicht dermaßen von diesem Markt belagert wäre, dann hätten mit Sicherheit auch branchenfremde Sponsoren – die den Actionsport/Lifestyle-Gedanken besser transportieren können als Energy-Drink-Hersteller – Interesse an unserem Sport."

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Um echte Snowboard-Events zu veranstalten braucht es keine Millionen
Josh Dirksen

Wie Snowboarden ohne gigantische Sponsoren-Budgets aussehen kann, zeigen Austin und Bryan mit ihren Events und Filmprojekten. Bestes Beispiel: Der alljährliche "Rat Race"-Banked-Slalom, der in den vergangenen Sommern am Mount Hood in Oregon stattfand. Judges und Scoring-Kriterien sucht man dort vergebens. Die einzige Regel: Du musst im Banked-Kurs bleiben, der, wie soll es auch sonst sein, von den Fahrern selbst geschaufelt und präpariert wird. Die schnellsten Fahrer gewinnen ein von Hand geshaptes Surfbrett von Chris Christenson oder maßgefertige Snowboards von Nitro, dem Board-Sponsor der beiden Drink-Water-Gründer. 

Außerdem gibt es Preise für den besten Crash, den besten Grab und besten Style. Neu dabei: Der "Chris Fuck Yeah Roach Award", den die Legende Chris Roach im letzten Jahr erstmals mit nach Hause nehmen durfte. Warum? Weil er eben Chris Fucking Roach ist. Passend dazu gibt’s natürlich BBQ – serviert von den Eltern der Organisatoren höchstpersönlich. "Diese Art von Event erinnert uns alle daran, warum wir eigentlich snowboarden“, sagt Josh Dirksen. "Selbst die einflussreichsten Fahrer sind hier nur am Start um zu shredden und offiziell Teil von dem zu sein, was Snowboarden ausmacht. Um ‚echte‘ Snowboard-Events zu veranstalten, braucht es eben keine Millionen."

Austin Smith und Bryan Fox in Action. Die beiden haben "Drink Water" gegründet. Inzwischen eine globale Bewegung.
Austin Smith
Bryan Fox
Nitro Snowboards

Ein Haufen Freunde, die gemeinsam den Kurs shapen, zusammen snowboarden und anschließend eine gemeinsame BBQ-Party steigen lassen. Mehr DIY geht nicht. Den gleichen Spirit merkt man auch bei den Filmen des sogenannten Drink Water Media House. Egal ob "Pathology", "Mediocre Madness" oder der kürzlich erschienene "Energy" – die Videos sind authentisch, sackspaßig und zeigen – abgesehen von den abartigen AK-Lines – Footage, mit der sich auch der Normalo-Snowboarder identifizieren kann. Bryan beschreibt den Gedanken dahinter wie folgt: "Ich habe unsere Snowboard-Besessenheit schon immer mit einer Krankheit verglichen. Einige Menschen werden vom Virus erfasst, andere nicht. Unsere Filme sind eine Art Studie dieser Krankheit.“

Drink Water auch als ernster Auftrag - 50.000 Dollar Spenden

Neben all dem Spaß hat Drink Water jedoch auch eine philanthropische Seite. "Das Thema sauberes Trinkwasser spielt natürlich abseits vom Snowboarden eine viel wichtigere Rolle", so Austin. "Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, 10 Prozent aus dem Verkaufserlös unserer Produkte an die Non-Profit-Organisation Water.org zu spenden. Zudem gehen sämtliche Erlöse unseres Rat Race’ an Water.org." Seit 2011 sind dadurch immerhin beachtliche 50.000 US-Dollar zusammengekommen, die Austin, Bryan und Crew für diesen guten Zweck spenden konnten.

Snowboard-Pros können vieles sein. Rockstars, Athleten, Einsiedler, extrovertierte Diven, Kindsköpfe, kreative Freigeister und vieles mehr. Pros, die ihren Einfluss uneigennützig dazu nutzen, um unsere Szene bewusst zu verbessern, sind jedoch keine Selbstverständlichkeit. "Uns ist es immer nur darum gegangen, mit Drink Water ein Bewusstsein zu schaffen. Egal ob es sich dabei um Trinkbrunnen in diversen Gebieten oder das Rat Race handelt", erklärt Austin abschließend. "Wichtig ist uns, dass hinter der Sache, die wir promoten, eine gute Message steckt. Es gibt Kids, die mir auf Facebook schreiben, dass sie wegen Drink Water keine überzuckerten Energy-Drinks oder Limonade mehr trinken. Solange das so ist, hat sich die Arbeit gelohnt."

Mehr davon? Hier lang: 

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