Bode Merrill - Reckless Abandon

Interview
Stefan Götschl
Erschienen in
Pleasure 124/125
Stefan Götschl

Bode Merrill - Reckless Abandon

Will man im Leben vorankommen, stellt man sich besser der ein oder anderen kniffligen Situation. Snowboarden ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Wer einen neuen Trick lernen möchte, legt sich erfahrungsgemäß erst einmal aufs Maul. Fahrer, die mit dieser ersten Frustrationsphase klarkommen, Durchhaltevermögen zeigen und eben jenen Zeitraum vielleicht sogar zu schätzen lernen, bringen es im Snowboardbusiness oft überdurchschnittlich weit. Lebender Beweis dafür ist Bode Merrill. Mit seinen Absinthe-Videoparts gewann der 30-jährige Amerikaner in den vergangenen Jahren „Rider of the Year“- und „Video Part of the Year“-Awards, hob den Status Quo des Street-, Park- oder Backcountry-Snowboardens auf neue Level und ballerte sich dabei oft derart weit aus seiner Komfortzone, dass man sich fragen musste, ob er noch alle Latten am Zaun hat. Kein Wunder, dass ihm das Adjektiv „furchtlos“ dementsprechend oft um die Ohren gehauen wird. Was er selbst von dieser Bezeichnung hält, wie Salomon Snowboards’ neues Projekt „Reckless Abandon“ entstand und warum sich die Snowboardwelt wieder mehr auf Qualität statt Quantität konzentrieren sollte, erklärt uns Bode im Interview.

Bode, dieses Interview wird in unserer „Contrasts“-Ausgabe gedruckt. Das Heft wird mit zwei Covern erscheinen: Der eine Shot zeigt dich, der andere Travis. Wie kontrastreich sind Bode Merrill und Travis Rice?
Der Vergleich ist schwierig. Dazu muss man nur einen Blick auf die beiden diesjährigen Projekte von Travis und mir werfen. Das Konzept hinter „The Fourth Phase“ ist grundverschieden zu „Reckless Abandon“. Travis reiste beispielsweise für „The Fourth Phase“ sehr viel, wir filmten jede Menge Shots in meiner Heimatstadt Salt Lake City. Das gezeigte Snowboarden in beiden Filmen ist ebenso unterschiedlich. Mal ganz abgesehen von unseren Charaktern (lacht).

Kann man Bode Merrill und Travis Rice überhaupt mit anderen Snowboardern vergleichen?
Wahrscheinlich nicht. Travis zieht mit seinen gigantischen Filmprojekten seit Jahren sein eigenes Ding. Ich versuche das Gleiche auf meine ganz eigene Art und Weise. Was wir vielleicht gemein haben, ist dass wir beide grundsätzlich ziemlich speziell sind (lacht).

Mit „Reckless Abandon“ hast du im letzten Winter dein erstes eigenes Videoprojekt gefilmt. Wolltest du schon immer deinen eigenen Film shooten?
Definitiv. Die Idee, an einem eigenen Filmprojekt zu arbeiten, hatte ich schon seit einiger Zeit im Kopf. Die ersten Pläne dafür entstanden schon vor einigen Jahren und ich sprach immer wieder mit diversen Leuten über verschiedene Ideen. Schlussendlich scheiterte es jedoch immer wieder am schlechten Timing. Der Zeitpunkt passte einfach nie. Als sich zu Beginn der vergangenen Saison aber die perfekte Möglichkeit ergab, zögerten wir nicht lange. Die Crew war super und Salomon wollte mit mir unbedingt ein größeres Projekt starten.  Kurze Zeit später boten die Jungs vom Snowboarder Magazine noch an, das Projekt zu produzieren. Einige Tage später waren die Planungen schon im vollen Gange.

Bode Merrill
Ethan Stone
Salt Lake City

Du hast vorher erwähnt, dass ein großer Teil des Films in deiner Heimatstadt Salt Lake City gefilmt wurde.
Richtig. Ich kenne dort nahezu jeden Street-Spot und auch die umliegenden Berge und Gebiete wie meine Jackentasche. Dieses Wissen macht es natürlich wesentlich einfacher, produktiv Shots in den Kasten zu bekommen. Wir starteten mit einer Liste an Spots, die wir unbedingt filmen wollten. Anschließend gingen wir raus, filmten und konnten so ein Häkchen nach dem anderen auf der Liste setzen.

... und abends im eigenen Bett pennen.
Ein Vorteil, der oft massiv unterschätzt wird (lacht). Wenn du in einer völlig unbekannten Stadt oder einem neuen Gebiet unterwegs bist, ist die Suche nach guten, passenden Spots immer enorm zeitintensiv. Ein Problem, das wir in Salt Lake City nie hatten. Außerdem ließ sich das ganze Projekt mit einem wesentlich geringeren Budget finanzieren.

Ganz ohne Reisen ging es aber doch nicht. Ihr wart unter anderem in Japan und Alaska unterwegs.
Japan war für mich der beste Trip der letzten Saison. Ohne Frage. Während eines Trips nach Japan kannst du dich stets auf die volle Ladung Kulturschock verlassen. Das Land ist der Wahnsinn. Es fühlt sich an, als wärst du auf einem anderen Planeten … einem Planeten mit extrem netten Menschen und unfassbar gutem Schnee. Zumindest, wenn du dir den richtigen Zeitpunkt für den Trip aussuchst, was bei uns jedoch definitiv der Fall war. Als wir dort landeten, wartete schon jede Menge frisch gefallener japanischer Pow auf uns. Die nächsten Tage verbrachten wir ausschließlich im Backcountry und bekamen mit den tiefsten Powder, den ich bisher gefahren bin, unters Brett. Abgerundet wurde der Trip mit sensationellem japanischen Essen. Unglaublich.

Für das Projekt hast du deine Salomon-Kollegen Jesse Paul, Ozzy Henning, Hans Mindnich und Erik Leon an Bord geholt. Was war dir bei der Auswahl der Fahrer wichtig?
Mit „Reckless Abandon“ wollte ich einigen jüngeren Fahrern die Möglichkeit bieten, ihr Talent und ihr Snowboarden in einem größeren Projekt zur Schau zu stellen. Bevor wir mit dem Filmen begannen, kannte ich Jesse und Erik noch nicht allzu gut. Ich war allerdings schon seit längerer Zeit ein Fan ihres Snowboardens und es stellte sich schnell heraus, dass es zu 100 Prozent die richtige Entscheidung war, die Beiden an Bord zu holen. Die Jungs sind verrückt und haben mich während jedem Shooting beeindruckt. Ozzy und Hans kannte ich hingegen schon seit einigen Jahren und wusste, dass sie es drauf haben. Beide geben seit Jahren Vollgas und so war es nicht wirklich überraschend, als sie einen Banger nach dem anderen ablieferten.

Jesse Paul
Bode Merrill
Ethan Stone
Salt Lake City
Erik Leon
Hans Mindnich
Bode Merrill
Ethan Stone
Japan

Du bist für deine Risikobereitschaft bekannt. War das schon immer der Fall?
Sagen wir es so: Ich war schon immer ein bisschen waghalsig (lacht). In jungen Jahren war ich ein stetiger Unruhestifter, sprang ständig von Dingen, von denen ich eigentlich nicht hätte springen sollte und war dementsprechend kontinuierlich verletzt. Man kann sich daher vermutlich vorstellen, wie es aussah, als ich erstmals auf einem Snowboard stand. Ich gab direkt Gas und donnerte über alles, was sich mir in den Weg stellte. Hügel, Kicker, Cliff, Pistenabsperrung, egal. Hauptsache Vollgas.

Bist du schnell gelangweilt?
Klar! Ich mag es, wenn etwas passiert. Wenn es im Leben vorangeht.

Womit wir bei der Progression deines Snowboardens wären.
Ganz ehrlich: Ich bin einfach ein riesiger Snowboardvideo-Nerd. Ich mag es nicht, wenn sich Dinge wiederholen. Für meine Videoparts sind mir deshalb zwei Dinge wichtig: Wie sehen meine Tricks aus? Und wie oft habe ich den jeweiligen Trick schon gemacht? Falls ich einen Trick schon öfter gelandet habe, und ihn auch schon in diversen Parts hatte, wird er von der Liste gestrichen.

Glaubst du, dass das auch die Zuschauer von dir erwarten?
Ja, davon bin ich überzeugt. Ich möchte mit meinen Videos überraschen. Wer „Play“ klickt, soll gespannt sein, was ihn erwartet. Nichtsdestotrotz weiß ich auch, dass ich die höchsten Ansprüche an mich selbst habe. Wenn wir uns für einen bestimmten Spot entscheiden, den wir shooten wollen, denke ich mir immer den unrealistischsten Trick aus, den man dort machen kann. Von diesem Punkt denke ich so weit rückwärts, bis ich an einem Trick angekommen bin, der zwar möglich ist, jedoch auch immer noch ziemlich bescheuert. Die Grenze zwischen dem Möglichen und absolut Verrückten ist fließend. Genau dort möchte ich mich bewegen. Dort geschieht Progression.

Bode Merrill
Ethan Stone

In einem Interview hast du mal gesagt: „Oftmals musst du dich Situationen stellen, die so beängstigend ist, dass du dir fast in die Hose scheißt“. Gibt es ohne Angst keinen Fortschritt?
Für die meisten Situationen ist das zutreffend, ja.

Hast du weniger Angst als deine Mitmenschen?
Natürlich nicht. Ich höre diese Aussage ständig. Und teilweise finde ich es auch ganz amüsant. Schlussendlich ist es aber totaler Unsinn. Die Realität sieht nämlich folgendermaßen aus: Ich habe in den meisten Situationen eine Scheißangst … selbst, wenn es sich um einen lächerlichen Aufwärmtrick handelt. Wenn ich auf dem Snowboard stehe, schlägt mein Herz dank Angst und Aufregung sehr viel schneller als normal. Genau aus diesem Grund ist Snowboarden auch so verdammt spaßig.

Angenommen du bist mit deinen Freunden am Berg. Ein ganz normaler, entspannter Tag. Zeigt Bode Merrill auch an solchen Tagen Real-Snow-esque Tricks?
An normalen Tagen bin ich mit meinen Freunden meistens nur cruisen. Nach all den Jahren, in denen ich mich immer wieder aus meiner Komfortzone gepusht habe, tut es gut, einfach auf dem Brett zu stehen. Ohne Druck und ohne den ganzen Wahnsinn. Vor allem, wenn keine Kamera dabei ist.

Kein Druck, den Moment einzufangen?
Exakt. Auch wenn ich es mir selbst nur sehr ungern eingestehe, sieht die Realität so aus, dass die krassen Tricks nur dann passieren, wenn die Kamera läuft. Den Moment einzufangen ist meine größte Motivation.

Gibt es noch viele von eben jenen Tagen, an denen keine Kamera läuft und du nur entspannt mit den Homies cruisen bist?
Leider passieren diese Tage viel zu selten. In den vergangenen Jahren war ich fast nur unterwegs. Ich war entweder filmen oder erholte mich vom gerade beendeten Filmtrip. Da blieb nicht viel Zeit, um mit den Homies entspannt snowboarden zu gehen. Im nächsten Winter möchte ich aber genau das gründlich nachholen.

Klingt ein wenig ausgebrannt.
Vermutlich, ja. Der aktuelle Zeitpunkt ist bezeichnend dafür. Es ist Herbst und in Utah fällt der erste Schnee. Jeder ist motiviert auf die bevorstehende Saison, holt die Snowboards aus dem Keller und fährt zur Bone Zone (ein privater DIY-Park, der unter anderem von Typen wie Ted Borland, Alex Andrews und der Think-Thank-Crew ins Leben gerufen wurde; Anm. d. Redaktion) um die ersten Shred-Tage zu feiern. Persönlich muss ich aber sagen, dass ich einfach noch nicht so weit bin. In meiner Welt ist noch Sommer und ich versuche, das auch noch bestmöglich auszunutzen.

Ist der aktuelle Status der Videoproduktionen auch ein Teil des Problems? Wer als Pro relevant sein möchte, muss nahezu jedes Jahr einen neuen, noch heftigeren Part herausbringen.
In unserer heutigen Social-Media-Welt ist es die einheitliche Meinung, dass wir täglich eine neue Video- und News-Flut brauchen. Vor allem Snowboardmedien scheinen das zu glauben. Also wird jede News, jedes Edit und jeder Videopart veröffentlicht, nur dass der konstante Stream auch wirklich nie unterbrochen wird. Für mich liegt an dieser Stelle das Problem. Die Menge an neuen Inhalten wurde in den vergangenen Jahren immer größer, während die Messlatte für hochwertige Videos ständig nach unten geschraubt wurde. Meiner Meinung brauchen wir eine bessere Definition, was ein professioneller Videopart wirklich ist.

Video Embed Media

Mehr Qualität statt Quantität.
Wie soll es sonst weitergehen? Wer aktuell relevant bleiben möchte, muss sich Winter für Winter den Arsch aufreißen und hoffen, dass dabei ein dreiminütiger Videopart herausspringt. Wer sich verletzt und eine längere Zeit außer Gefecht ist, fällt hinten runter. Und das größte Problem: All die Arbeit wird in einem Fullpart zusammengeschnitten, im Internet veröffentlicht und ist nach geschätzt einem Tag schon wieder vergessen. Immerhin warten ja schon die nächsten zehn Videos.

Hast du eine Idee, wie man dieses Problem lösen kann?
Nicht wirklich. Ein Anfang wäre jedoch, wenn die Fahrer mehr Zeit hätten, um auch wirklich etwas zu produzieren, worauf sie und ihre Sponsoren ernsthaft stolz sein können. Dafür müssten aber alle einem Strang ziehen: Pros, Sponsoren, Medien und Konsumenten. Ich möchte hier nicht als Jammerlappen herüberkommen. Snowboarden zählt du den besten Aktivitäten überhaupt. Mein „Job“ als Pro-Snowboarder ist und bleibt ein Traum. Teilweise verdammt anstrengend und frustrierend, aber trotz alledem ein Traum. Die Frage ist nur: Wie können wir das System so gestalten, dass es für alle Beteiligten nachhaltig und zufriedenstellend ist? Ein verstärktes Augenmerk auf Qualität wäre meiner Meinung nach ein guter Anfang. Ich glaube, dass das auch die Zuschauer vor dem Bildschirm zu schätzen wüssten.

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Die letzte Pleasure-Ausgabe der Saison 2016/17 erscheint mit dem Schlagwort „Awareness“ auf dem Cover. Dennoch haben wir es uns nicht angemaßt, uns auf die Suche nach ultimativen Antworten zu begeben. Sondern nach Ansätzen, um sich überhaupt die wichtigen Fragen zu stellen. Viel Spaß mit Pleasure Ausgabe 127.