Alternative Living - Tim Eddy

Interview
Michi Lehmann
Stefan Götschl

Alternative Living - Tim Eddy

Wenig Platz, aber viel Freiraum. Alternative Lebensweisen sind ein Synonym für Ausbruch. Ausbruch aus der täglichen Routine und einem Lifestyle, der gewissermaßen vorgegeben ist. Eine Waschmaschine, die im Schleudergang durch das Leben holpert und ständig am Anschlag ist. Dabei geistert der Off-the-Grid-Gedanke stärker denn je durch unsere Köpfe. Aber nur die Mutigen schaffen es tatsächlich, die vermeintliche Comfort-Zone zu verlassen, um sich Spielraum für Kreativität zu schaffen. Selber Fußstapfen zu hinterlassen, anstatt in die der Anderen zu treten, verlangt einen ganz besonderen Mindset. Wir haben vier Snowboardpros getroffen, die diesen Weg gegangen sind. Los ging es mit Mike Basich, weiter mit Jason Robinson. Jetzt an der Reihe: Tim Eddy.

Vor nicht ganz vier Jahren haben sich Tim Eddy und seine jetzige Frau Hannah ihren Kindheitstraum von einem Leben in der Wildnis erfüllt. „Childerness“ nennen die beiden ihre kleine Cabin in Lake Tahoe liebevoll. Freiheit und Frieden, und das gerade einmal 15 Minuten von der nächsten Kleinstadt entfernt. Insgesamt knapp zwei Quadratkilometer umfasst das Grundstück der beiden Aussteiger. Bevor sie sich an den Bau der Cabin gemacht haben, wurde ein kleiner Skatepark betoniert. Priorität Nummer Eins! Das meiste Baumaterial für die Hütte bekam Tim umsonst über Craiglist. Viele Freunde und die ganze Familie haben dann beim Bau der Cabin geholfen. „Wir haben hier draußen ausschließlich Dinge, die wir wirklich benötigen“ erzählt Tim. Solarzellen auf dem Dach liefern genügend Strom um Telefon und Rechner zu laden. Hell wird es dank Öllampen und LED-Lichtern. Und gekocht wird auf dem kleinen Holzofen, der gleichzeitig als Heizung dient …

Tim, wie lebt es sich im Wald?
Ganz hervorragend. Vor sechs Jahren haben wir in einer ziemlichen „Standard-Wohnung“ in der Stadt gewohnt. Da war es zwar ziemlich einfach, den Alltag zu organisieren, aber erfüllt hat uns das Ganze nicht. Wir wollten uns mit unserem Zuhause verbundener fühlen und auch mit dem Lifestyle, den wir leben. Wir hatten so viele Ideen im Kopf, nachhaltig zu leben, aber irgendwie kaum eine Möglichkeit, das in der Stadt umzusetzen.

Wie stellt ihr das jetzt in eurer Cabin an?
Naja, man muss sich als Mensch damit abfinden, dass man Konsument ist. Aber man sollte sich auch im Klaren darüber sein, dass es möglich ist, bewusst zu konsumieren. Die richtige Balance zu finden ist schwierig und sicherlich hat nicht jeder dieselben Möglichkeiten. Auch für mich als Snowboarder ist das nicht einfach. Wir vermarkten ständig neue Produkte, setzen auf fossile Brennstoffe und rennen dem Schnee hinterher. Dafür versuche ich woanders „nachhaltig“ zu konsumieren. Ich erzeuge meinen eignen Strom, baue mein Gemüse selbst an und heize mein Haus mit Holz, das ich selber gespalten habe.

Was ist das Schwierigste, wenn man „Off-the-Grid“ lebt?
Unser Haus ist wie eine Maschine oder ein Kleinkind, das ständig Aufmerksamkeit braucht. Vor allem im Winter, weil unser Wasser ohne ständiges Heizen gefrieren würde. Wenn wir duschen wollen, müssen wir Schnee schmelzen und solche Dinge.

Tim Eddy

Was ist der beste Part?
Dass man eine Wertschätzung für die täglichen Strukturen im Leben bekommt, weil man direkt damit verbunden ist. Durch die ganzen Aufgaben fühle ich mich als Teil meines Zuhauses und nicht wie ein fremdes Objekt.

In Deutschland ist es nahezu unmöglich, eine Hütte im Wald zu bauen und dort dauerhaft zu leben. Wie sieht das in den Staaten aus?
Einfach ist es auch hier nicht gerade. Die Regierung unterstützt diese Art von Lifestyle nicht unbedingt, schließlich ist man mehr oder weniger unabhängig vom öffentlichen Versorgungsnetz. Damit lässt sich für den Staat kein Geld verdienen. Wir mussten uns also durch jede Menge Vorschriften kämpfen, um unseren Traum zu realisieren. Aber da muss man durch. Es liegt an uns Menschen, ein nachhaltiges Leben erschwinglich zu machen.

Alles, was wir tun, hat eine Auswirkung. Wir entscheiden selbst, ob das eine positive oder negative ist.

Wie sieht euer Plan für die nähere Zukunft aus?
Meine Frau und ich haben eine Online-Plattform mit dem Namen „Do Radical“ gegründet, zudem arbeiten wir an einem Buch mit dem Titel „Split The Difference“. Darin geht es, wie der Name schon sagt, ums Splitboarden, das mir in den letzten Jahren immer wichtiger geworden ist. Ein Großteil der Verkäufe geht direkt an Protect Our Winters. Ich bin der Meinung, dass wir eine Verantwortung gegenüber unserem Planeten haben, denn alles was wir tun, hat eine Auswirkung. Wir entscheiden selbst ob das eine positive oder negative ist.

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Dieser Artikel erschien original in der Pleasure „Awareness“-Ausgabe. Habt ihr nicht? Skandal. Am besten direkt hier bestellen. Oder noch besser: Prämie absahnen, Geld sparen, nie mehr eine Ausgabe verpassen und Abo abschließen.

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Auch in dieser Saison 2018/19 widmet sich diese Special Ausgabe wieder einem Thema: Powder. Mit dabei sind Austen Sweetin, Jerome Tanons Reisebericht aus dem Karakorum-Gebirge in Pakistan, ein etwas anderer Trip quer durch Europa, Splitboarden in Georgien, Snowboard-Realitäten im Pazifischen Nordwesten, die neuesten Splitboard- und Powder-Produkte, Backcountry Knowledge mit risk'n'fun und vieles mehr. Viel Spaß mit dem Pleasure Powder Special 2019.