Laax Open 2021: Die Einzelkritik

Erschienen in
Stefan Geissmann

Laax Open 2021: Die Einzelkritik

Die folgenden Einzelkritiken gehen vertieft auf die sportlichen Leistungen ein, vergleichen Trainingsgewohnheiten und Nahrungsmittelergänzungen, behandeln tolle und lebensnotwendige Fakten sowie allerlei Wissenswertes aus den Performances der jeweiligen Athleten. Auf der Basis fundierter subjektiver Kriterien wurden die Athleten nach ihrer Relevanz ausgewählt, aufgelistet und die Resultate akribisch ausgewertet. In der folgenden Analyse werden alle relevanten Fakten geklärt, die Hintergründe erläutert und jede noch so wichtige Frage gewissenhaft abgearbeitet. Dies alles im Dienste der geschätzten Leser*innenschaft, mit dem bescheidenen Ziel, die kompletteste, umfassendste und abschliessendste Analyse zu den bewegenden Geschehnissen an den Laax Open 2021 bieten zu können.

Louie Vito

Neben Witzen über "Dancing with the Stars" und Anekdoten aus seinem vergangenen Leben als Snowboarder können wir nicht viel über Louie Vito sagen. Sucht man ihn auf den Ranglisten, findet man ihn erst weit unten. Sportlich eigentlich nur eine Randnotiz, stünden da neben seinem vollen Namen Louis Philip Vito nicht die drei Grossbuchstaben „ITA“. Unglaublich, aber wahr: Louis Philip Vito ist jetzt ein Italiener. Wenn das mal nicht der Beweis ist, dass man alles erreichen kann, wenn man genug hart dafür arbeitet!
 

laax open 2021 jan scherrer philipp ruggli
Jan Scherrer
Philipp Ruggli
Laax
Jan Scherrer

In der Marketingtheorie spricht man davon, dass für neue Produkte erstmal ein Bedürfnis geweckt werden muss, damit die Leute überhaupt erst verstehen, was sie unbedingt wollen. Zu Neudeutsch bedeutet es, einen Demand zu createn. Jan hat uns alle schon im Vorfeld um den Finger gewickelt, als wäre er einer dieser Marketing-Genies. Er hat uns ein Produkt vorgestellt, das wir armen Opfer alle unbedingt haben wollen. Unser Demand nach seinem Switch Alley-Oop Double Rodeo 1080 Indy to Nose nimmt schon Formen an, die man sonst nur von Süchtigen auf Entzug kennt. Wir alle hätten mindestens unser Netflixpasswort, unsere Saisonkarten und manche sogar ihr Erstgeborenes für diesen einen Trick gegeben. Doch die unternehmerischen Fähigkeiten von Marketing-Ass Scherrer gehen über simple Wirtschaftsfuchsigkeit hinaus: Anstatt uns den Trick zu zeigen, damit wir endlich seelig hätten schlafen können, erhöhte er mit einem inszenierten Slam im Training unser Verlangen in ungeahnte Sphären. In einem solchen Zustand ist der Mensch zu keinem rationalen Gedanken mehr fähig. Damit wurde genau in diesem Final ein für alle Mal der Bild des Menschen als Homo Oeconomicus zerstört. Wir sind ausserstande rational zu handeln, weil uns der schlaue Fuchs mit einer künstlichen Verknappung des Angebotes noch stärker an die Marke Jan Scherrer bindet. Ein Kniff den man bis dato nur aus der Luxusindustrie kennt. Und so werden wir wieder die Tage zählen, bis endlich diese verdammten X-Games losgehen, damit wir vielleicht, vielleicht diesen einen geilen Trick endlich zu sehen bekommen und die Entzugserscheinungen endlich etwas abklingen.
 

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Valentino Guseli
Philipp Ruggli
Laax
Valentino Guseli

Im Fußball werden in besonderen Fällen unverschämter Talentiertheit, als Zeichen der Wertschätzung, gerne U18 Spieler in die 1. Mannschaft integriert. So darf dann ein Achtzehnjähriger bei den Erwachsenen mitmachen. Klar gibt es auch im Fußball Spieler wie Haaland oder damals Mbappé, die bereits vor ihrem 18. Geburtstag einen Platz in der 1. Mannschaft erhielten. Doch verglichen mit Valentino Guseli sind sie allesamt alte Säcke. Denn der Australier, der sich überraschenderweise doch nicht als Louie Vitos neuen Teamkameraden herausstellt, hat erst 2005 das Licht der Welt erblickt. 
Bestimmt war Valentino eines dieser nervigen Snowboardkinder, die zwar gut und vielversprechend snowboarden, jedoch noch etwas unproportioniert daherkommen. Einige müssen ihn schon gekannt haben, bevor er dieses Jahr in Laax das erste Mal überhaupt in seinem Leben an einem Weltcup teilnahm. Die meisten (mich eingeschlossen) hatten jedoch noch nie von ihm gehört und so schlug Valentino ein wie eine Bombe. Uns Überraschten war das Leben und Snowboarden von klein Valentino erspart geblieben und so kriegten wir uns nicht mehr ein, als der mittlerweile mittelgroße Valentino im Semifinal noch einmal einen drauflegte und mit seinen 95 Punkten alle anderen rasierte. Was für ein geiler Typ. Dass er dann im Finale nicht mehr so abliefern konnte, wie klein Haaland im Spielrausch, das sieht man ihm gerne nach. Pipefahren läuft schon und das mit den Nerven wird noch. Es ist noch keiner als Pélé zur Welt gekommen.

Chloe Kim
Stefan Götschl
Laax
Cloe Kim

Während alle immer davon sprachen, Cloe Kim sei verletzt gewesen und müsse erst wieder zu ihrer Routine und Form zurückfinden, spielte sie lächelnd ihre Spielchen mit uns. So glaubten wir alle, sie hätte doch sicher wegen ihrem Studium Snowboarden vernachlässigt, und sowieso, so ein Knöchelbruch gehe nicht spurlos an einem vorbei. Doch Cloe führte uns alle an der Nase herum. Sie war so klare Favoritin, dass die zwei kommentierenden Herren des Livestreams gar nicht erst die Frage stellten, wer denn bei den Frauen wohl die Favoritenrolle besetzte (oder sie waren einfach zu einfältig dazu, weil: Männerhirne). So ließ sich Cloe vor ihrem letzten und entscheidenden Run viel Zeit, um mit einem, für ihre Verhältnisse eher durchschnittlichen Run, dennoch alle spielend hinter sich zu lassen. Cloe braucht keine Boxhandschuhe wie Scotty James, sie muss nicht für ein wenig Aufmerksamkeit ihr Telefon aus der Tasche fallen lassen – wenn sie mitfährt, braucht es schon "Murphys Law" in full effect, damit Cloe nicht gewinnt. Als Entertainerin lässt sie den Konkurrentinnen gerne ein Jahr Trainingsvorsprung und spielt die unsicher fahrende Studentin, nur um dann mit ihrem letzten Run wieder alles klar zu machen. Cloe ist zurück und damit schwinden die Chancen ihrer Konkurrentinnen wieder in den unteren Dezimalbereich. 

David Habluetzel
Marcel Lämmerhirt
Laax
David Hablützel

Der Nachfinal war solch ein exklusives Event dieses Jahr, dass niemand an der Pipe erlaubt wurde, der keine Kamera oder zumindest Aufdrucke auf der Jacke hatte, die den Eindruck von Wichtigkeit erweckten. Dank Corona waren wir alle dazu verdammt, Gian Simmen und Dani Kern im Livestream zuzuhören. Die zwei sind ein perfektes Duo: Der eine als Halfpipe-Experte mit nationaler Bedeutung und der andere in der Rolle des Sportmoderators. Der eine hatte in einem vergangenen Jahrhundert einst eine Olympiamedaille gewonnen und der andere plapperte munter irgendwelche Snowboardbegriffe daher, die er wohl über die Jahre von Gian aufgeschnappt hatte. Ein Beispiel: „Moneybooter“ – ist ein tolles Wort, klingt cool und lässt sich an einem Pipecontest immer wieder mal einstreuen. Ist im Endeffekt ja egal, was es wirklich bedeutet. Doch die zwei bringen nicht nur eine geballte Expertise im Doppelpack an den Start, sie sind auch durch und durch solide Schweizer. Müssen sie ja auch sein, beim Schweizer Fernsehen. Daher berichten sie stets aus Schweizer Sicht, holen den kleinen Patrioten in uns hervor, denn es geht am Ende eben doch um den Ruhm der Nationen. Und so war eben David Hablützel aus Schweizer Sicht noch der erfolgreichste, weil er seinen Run als einziger ans Ende der Pipe bringen konnte. Die Freude aller war groß. Auch ich war glücklich, denn er hatte 2021 diese schrecklichen roten Unterhosen mit dem Schweizerkreuz auf seinem Arsch für einmal in der Schublade gelassen. Und dennoch wurde David seinem Nachnahmen leider gerecht und hatte dann auf dem Scoreboard lützel Punkte. Das mittelhochdeutsche „lützel, lüzzel“ oder althochdeutsch „luzil, luzzil, luccil, luzzel, liuzil“ ist eng mit dem englischen Adjektiv „little“ verwandt, was so viel wie „klein (an Größe)“ oder „zahlenmäßig gering“, bedeutet. Es bleibt nur zu hoffen, dass der gestandene Run am Ende doch wichtiger, der Schweizer Nationalstolz nicht all zu arg geknickt und der Frust über die lützel Punkte schnell verdaut war. 

Andre Höflich
Marcel Lämmerhirt
Laax
André Höflich

Mittlerweile ist Snowboarden und insbesondere Piperiding auf der Basis von solider Hausmannskost kaum mehr möglich. Es müssen Mittelchen, Präparate und Nahrungsmittelergänzungen her, damit sich der Körper optimal entfalten kann. Was Scotty und Yuto essen, ist uns leider nicht bekannt. Auch bei Pat Burgener wissen wir nur, dass er mit Visa bezahlt und mit Samsung telefoniert. Ich persönlich gehöre normalerweise nicht zu denjenigen, die durch solche Sponsoren angesprochen werde. Wenn ich auch zugeben muss, dass ich Bauhaus wegen Niklas Matsson plötzlich ziemlich geil finde.
Ganz anders sieht es bei André Höflichs Sponsor „Creapure“ aus: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass genau diese Nahrungsmittelergänzungen der Schlüssel zu Andres Erfolg darstellen. Noch heute werde ich mir ein Paket bestellen, damit ich genau so hoch, präzise und stylisch wie der André aus der Pipe hüpfen kann. Es muss an diesem Präparat liegen, dass er im Vergleich zu den letzten Jahren solch ein Sprung nach vorne hinlegen konnte. Seine Tricks sind stets geboned und fünf Millimeter unter dem Coping gelandet. Und dann war da jedes Mal dieser Swich Method zu Beginn, der uns alle verwirrte: Entweder hatte er uns in der Vergangenheit betreffend seine Stance hundsgemein angelogen oder in ihm kroch schlicht und ergreifend die Unverschämtheit der Jugend herauf, die Rudern und Unsicherheiten bei Switch straight Airs als alte-Männer-Kram verachten. Ganz anders als David Hablützel scheint sich André um die mit dem Nachnamen einhergehenden Verpflichtungen keinen Deut zu scheren, dieser unhöflich stylische Wicht.

Niklas Mattsson
Marcel Lämmerhirt
Laax
Niklas Mattsson

Der Schwede ist weder ein Teamplayer noch ein Freund der Spannung. Sein erster Run bestach durch eine unglaubliche Athletik, gepaart mit einer knallharten Effizienz. Die Zuschauer hätten nach seinem ersten Run, und damit mit dem ersten Run des Finales überhaupt, einen Kaffee holen oder gleich wieder Katzenvideos kucken gehen können. Denn was in den Runs der anderen Finalisten folgte, das war zwar nicht schlecht, in der Summe jedoch einfach nicht gut genug, um dem Herrn Matsson das Wasser zu reichen. Wie der Streber, der alle immer wissen lassen will, dass er die Aufgabe bereits erledigt habe, reckte Matsson am Ende seines Runs den Arm in den Himmel. Davor hatte er einen 1620 hingestellt, der so sauber war, dass er an unsportliches Verhalten grenzte. Die anderen Schüler oben am Gate wussten schon da, dass der Streber Matsson seine Vokabeln makellos rezitiert hatte und als Liebling der Lehrerschaft in die Pause gehen würde.
Und so konnte der 188cm-Mann letzten Freitag seine ganze sportliche Bildung auf den Tisch legen, konnte zeigen, dass sich Fleiß und Üben eben doch ausbezahlen: Mit Blick auf seine Contest-Statistik stehen da seit 2010 irgendwelche Zahlen aufgelistet – keine davon kleiner als 5. Doch endlich 2021, mit 28 Jahren, steht da plötzlich eine 1.

Sebbe De Buck
Philipp Ruggli
Laax
Sebbe De Buck

Dem "Friendly Giant" aus Antwerpen scheint das Leben aus den Fugen geraten. Bei seinem ersten Run blicken wir gespannt auf seine Performance, werden aber herbe enttäuscht. Auf dem Cannonrail trübt ihm der Nebel dermaßen die Sicht, dass er sich nur noch mit einem Jackson zu helfen weiss. Doch diese Strategie, so gut sie auch geschienen haben mag, erweist sich als Fehleinschätzung: Es folgt der totale Black-Out und Sebbe rutscht auf Knien über die Kanone. Das hätte er besser für den Dancefloor aufgehoben, doch genau dieser fehlt zu besagter Stunde. 
Wir vermuten, dass sich die gegenwärtige Situation auf Sebbe besonders schlimm auswirkt, denn ganzheitliche Vorbereitungen auf einen Contest sind essenziell. Doch in der jetzigen Situation sind die Bedingungen der perfekten, ganzheitlichen Vorbereitung lediglich den Athleten, Frühschläfern und Müsliessern vorbehalten – Kategorien, die so gar nicht zu Sebbe passen. Denkbar schlechte Bedingungen für einen traditionell trainierenden Snowboarder – sind doch die Trainingsstätten Indy und Riders zur Zeit beide geschlossen.

Rosmarinus Riderius

So richtig schlecht lief es eigentlich für niemanden, der an der Start gehen konnte. Doch es gab einen Athleten, der sich mit einer ganz schlechten Ausgangslage begnügen musste. Er wurde im Vorfeld einfach nicht gut genug trainiert, um mithalten zu können. Er wurde in seinem Tontopf kläglich vernachlässigt. Trocken wie eine grau-weiss verbrannte Base, der seit Verlassen der Fabrik kein einziger Wachstropfen mehr vergönnt war, hatte sich zwischen Topf und Erde eine Kluft der Trockenheit aufgetan. Ein kleiner Windstoss hätte wohl genügt und das ganze Erdreich hätte sich im gesamten Essraum in Form einer Staubwolke ausgebreitet. Die Situation war bereits dramatisch und so lagen schon einzelne verdorrte Nadeln des Sträuchleins auf dem Fußboden. 
Die erste Mahlzeit in Laax hätte aus meiner Sicht nicht schwärzer beginnen können. Was die Verantwortlichen versäumt hatten, versuchte ich daher in mühsamster Kleinarbeit Glas für Glas wieder zu richten. In aller Frühe am nächsten Morgen trat ich vor besagtes Gewächs und musste feststellen, dass ein Teil des rankenden Gewürzes nicht mehr zu retten war. Das Tageslicht hatte die blanke Wahrheit offengelegt. Unerschüttert in meiner selbstlosen Mission raffte ich mich zusammen und blickte entschlossen in die Zukunft. Mein fortwährendes Hegen und Pflegen, mein Gießen und Wässern, kurz, meine ganze Fürsorge floß in die zarten Ästlein dieses edlen Gewürzbaumes, der sich mit aller Resilienz gegen die unwirtlichen Rahmenbedingungen zur Wehr setzte. Doch uns blieb nur eine begrenzte Zeit miteinander – meine Wirkmächtigkeit war daher arg begrenzt. Doch unschwer zu erkennen ist der Umstand, dass mir dieser kleine Strauch in den wertvollen gemeinsamen Momenten sehr ans Herz gewachsen war. Mit feurigen Reden versuchte ich andere Mitmenschen für die Fürsorge und gefühlvolle Pflege ebendieses Gewürzgewächses zu gewinnen. Die Kraft meines positiven Einflusses auf das Fortbestehen seines zarten Lebens schwand mit meiner unausweichlichen Abreise. 
Mein inniger Wunsch bleibt, dass dem edlen Lippenblütler eine fürsorgliche Pflege gegönnt ist. Was mir am Ende bleibt, sind die Erinnerungen an die gemeinsamen Stunden und der unerschütterliche Glaube, dass er genesen wird. So wird er nächstes Jahr in altem Glanz und einem glänzend feuchten Topf vor dem Fenster stehen und dabei ganz der Alte sein.

Genau wie die Laax Open. 

Läuft aber auch. Kaum kommt der Winter in Fahrt, schließen – ein weiteres Mal – die Grenzen. Österreich macht dicht und will die Gebiete ab 24. Dezember öffnen – allerdings nur für Einheimische. In Deutschland sollen die Gebiete vorerst bis Ende Januar geschlossen bleiben, heißt es momentan. Ob all das richtig ist? Ich hab keine Ahnung. Wie auch – bei all dem undurchsichtigen Chaos, das uns 2020 mal wieder vor die Füße würgt.