Simons Gnackfotzn - Die Scheinheiligen
17. Februar 2012 - 11:34 von Mugl
Die Scheinheiligen - von Simon Reichel
Snowboarden schmückt sich wahnsinnig gerne mit dem Image des Alternativen, des Außenseiters/Aussteigers, der Toleranz – im Großen und Ganzen sehen wir uns doch als Gegenentwurf zur ach so engstirnigen Gesellschaft, zu den ganzen Spießbürgern da draußen. Aber wenn man mit seinen Brettkollegen einmal auf Themen zu sprechen kommt, bei denen sich die oft beschworene, offene Geisteshaltung zeigen müsste, dann kann man eigentlich nur verzweifeln. Vom oberflächlichen „Wir alle lieben Powder, wir haben uns alle lieb!“ zum tiefersinnigen „Ich akzeptiere andere so, wie sie sind.“ ist es ein viel weiterer Schritt, als man meinen möchte. Toleranz, Offenheit, befreites Denken, das ist bei den meisten von uns leider nicht viel mehr als Makeup. Die wenigsten denken darüber nach, was solche Ausdrücke eigentlich wirklich bedeuten und die allerwenigsten folgen der Erkenntnis dann auch. Wir müssen der Wahrheit in die Augen sehen: Wir Snowboarder sind nicht so offen, anders, positiv, tolerant, wie wir das gerne von uns behaupten. Beweise dafür gibt es viele: Frauen, Skifahrer, Anfänger, etc. Aber ich möchte mir von allen das vielleicht kontroverseste Thema heraus nehmen, weil ich daran meine Aussage am besten begründen kann: Homosexualität.Jetzt mal ohne Scheiß: Was geht es irgendeinen von uns Zaunpfeilern an, auf welches Geschlecht ein anderer Mensch steht? Das ist erstens privat und zweitens vollkommen, aber auch VOLLKOMMEN, unwichtig für den Kontext des Snowboardens. Die Leute zerreissen sich ihr Maul als wären wir in der Klatschspalte der InStyle und in unserer so dermaßen offenen und alternativen Szene ist „schwul“ bzw. „gay“ noch immer ein Schimpfwort und eine Disqualifikation. Ich habe diese Unterhaltung mit meinen eigenen Ohren gehört:
„Hey, der XY fährt voll geil, der hat voll seinen eigenen Style und fährt end gut.“ - „Ja, und? Ich hab´ gehört der is‘ schwul, Alter!“
Auf einmal ist das, was wir immer als das wichtigste in unserem Sport bejubeln - der Style - nichts mehr wert, nur weil einer Pimmel besser als Muschis findet? Wollt ihr mich verarschen? Wie bitter ist das!? Was hat das mit Snowboarden zu tun? Und auch abgesehen vom Sport – wem, bitteschön, tut derjenige damit weh? Moderne Jugendliche sind in ihrer Homophobie so überzeugt wie Inquisitoren aus dem Mittelalter. Ohne jegliche Argumente. Wie weit sind wir in unserer Zivilisation denn wirklich, wenn Leute etwas falsch nennen, es anderen verbieten wollen und dürfen, ohne dafür auch nur einen einzigen guten Grund zu haben? Und kommt mir bitte nicht mit der Natürlichkeit. Was ist an uns Menschen bitte noch natürlich? Ist Snowboarden von der Evolution gewollt? Sind Energy Drinks natürlich? Kommt schon, macht euch nicht lächerlich…
Wie bereits gesagt, es gibt noch zahllose andere Beispiele in denen Snowboarder kein Stück besser sind als der armseligste, geistesentleerteste Vollprolet. Als gäbe es keine weltoffene Erziehung, als gäbe es keine Alternativität in unserem Sport, als wären wir so tolerant wie der amerikanische Tea-Party-Nachwuchs. Manchmal kann ich mich nur schämen…
Simon Reichel ist ein Vollzeit-Hater und Teilzeit-Shredder aus dem
schönen Oberbayern. Seine sonstigen Verbalattacken und
Snowboardveranstaltungen kann man auf
www.rippendales.com und
www.thenecessaryhate.de verfolgen. Foto: Leo Kern.