Simons Gnackfotzn - Stil vor Talent
27. Januar 2012 - 10:54 von Mugl
Stil vor Talent -
von Simon ReichelWas ist wichtig im Snowboarden, was macht Snowboarden aus? Die Frage kann man auf viele Weisen und aus zahlreichen Perspektiven beantworten. Bei mir ist es oft der politische Blickwinkel, weil mir nun mal das große Ganze so wichtig ist. Es gibt aber eine weitere Dimension, in der ich eine ganz dezidierte Meinung vertrete und die mir fast mehr Anlass zum Verzweifeln gibt, als die demokratische Unmündigkeit meiner Brettkumpanen: Style! Für mich ist Style das, was uns von Eiskunstläufern und Trickskiakrobaten unterscheidet. Ein Trick kann noch so krass sein, wenn er kacke aussieht, will ihn keiner sehen. So sollte es zumindest theoretisch sein. Damals wie heute wird diese Basisregel, vor allem bei einer Gelegenheit, immer wieder bis zum Zerreißen überdehnt: Contests. Wer kann sich noch an Stefan Gimpls Cab 900 erinnern, mit dem er seinerzeit den Air & Style gewann? Das Teil war so hässlich, dass ein Aufschrei durch die Szene ging und prompt wurde der Stylejump eingeführt, in dem keine Rotation über 540 Grad erlaubt war. Warum wird das nicht heute auch so gemacht? Warum werden die höchstdotierten Contests mit wirbelsturmartigen Rotationen gewonnen, bei denen sich panisch irgendwo in der Mitte des Bretts festgehalten und der andere Arm unters Knie gezogen wird? Sind getweakte und gebonte Grabs zum Deko-Element für Videoparts geworden? Und in der Railsection von den weltgrößten Slopestyle Wettbewerben kriegt man bisweilen Hässlichkeiten serviert, dass sie eigentlich zur Disqualifikation führen müssten.
Viele Leute meinen, dass Wettbewerbe unseren Sport nach vorne bringen. Was heisst „nach vorne“? Zu Kanonenkugelgezwirble in "Sonic the Hedgehog"-Manier und Shifty 50-50s, die als Frontside Boardslide durchgehen sollen? Sowas nennt ihr Fortschritt? Warum ist Progression überhaupt so wichtig? Müssen wir immer höher, schneller, weiter? Sind wir mehr Extremsport als Kunst und Ausdrucksform? Muss ich echt so tolerant sein, dass ich einen Pow-Run von Gigi Rüf auf die gleiche Stufe stelle wie die Kunstturngeschichten von einem eklig professionellen Vollblutsportler? Ist das wirklich noch das gleiche Snowboarden, wenn einer Krafttraining macht, Trainingscamp auf der Südhalbkugel, keine Drogen nimmt, nie auffällig wird, seine Sponsoren bei Interviews vorbildlich repräsentiert, für Wettkampf und Gewinne lebt, im Skiverband ist, sich auf seine Karriere konzentriert und so viel Seele und Charakter hat wie ein Roboter?
Wollten wir nicht mal anders sein? War es nicht das, was Snowboarden immer so attraktiv für uns gemacht hat? Das anderssein? Kein vorbildliches Sport-Ass zu sein, in der Schule der coolste, auf dem Sportplatz der beste? Und ist Style nicht genau das, was uns anders gemacht hat? Dass ein Backside 180 besser sein kann als ein Triple Cork? Dass ein cleaner Nosepress schöner und mehr wert ist als ein Hardway Backside 180 Switch 50-50 swivel to 50-50 to bs 360 off? Ich weiß, jede Art von Snowboarden sollte ihren Platz in unserer Mitte haben. Tolerante Gemeinschaft und so. Aber was, wenn diese Toleranz dazu führt, dass Stil und Schönheit aussterben? Dass Talent, Technik, "Extremeness" und Professionalität dominieren? Können wir dann nicht genau so gut Motocross fahren oder Turmspringen?
Nennt mich einen nostalgischen, alten Sack. Aber ich benenne euer Snowboarden um in Trickboarden, weil wir reden offensichtlich schon lang nicht mehr von der gleichen Sache.
Nachtrag: Diese Kolumne wurde vor dem tödlichen Unfall von Sarah Burke verfasst. Als die gleiche Halfpipe, in der Kevin Pearce 2009 beinahe ums Leben kam, ihr erstes vollkommenes Opfer forderte, brach ein R.I.P. – Sturm auf sämtlichen Messageboards, Statusberichten und Magazintitelseiten aus. An genau diesen Plätzen wird in ein paar Wochen der nächste Triple Cork oder sonstiger, lebensgefährliche Stunt bis ins Unendliche gefeiert werden. Den tragischen Unfall zum Anlass genommen, einmal wirklich darüber nachzudenken, ob es so weiter gehen soll, hat kaum einer…
Simon Reichel ist ein Vollzeit-Hater und Teilzeit-Shredder aus dem
schönen Oberbayern. Seine sonstigen Verbalattacken und
Snowboardveranstaltungen kann man auf
www.rippendales.com und
www.thenecessaryhate.de verfolgen. Foto: Leo Kern.