Simons Gnackfotzn!
21. Dezember 2011 - 17:14 von Mugl
Der Kern der Dinge - von Simon Reichel
Eine Kolumne, um meine Meinung auf öffentlich-wirksamer Bühne freien Lauf zu lassen: eine verlockende Vorstellung! Aber nicht ganz so einfach, wie es klingt. Was, wenn ich bei meiner Argumentation so große Schritte mache, dass der Großteil der Leser nach zwei Sätzen aussteigt und ich am Ende als elitärer Intellekto-Penner ignoriert werde? Oder ist das nicht sowieso schon längst der Fall? Was, wenn ich dem Durchschnittsboarder zu viel Hirnkarenz unterstelle und jeden mit meinen Erklärungen unterfordere und langweile? Was, wenn ich mich aus Rücksicht auf Sponsorenrechte und persönliche Streicheleinheiten so sehr verrenken muss, dass ich am Ende ungefähr so glaubwürdig bin wie der Depp mit blaugelber Krawatte im Außenministerium...
Vielleicht sollte ich, bevor ich mich in meine Hasstiraden stürze, ein Konzept klären, um das es mir bei fast jedem Disput letzten Endes geht. Zu diesem Konzept gehört ein Wort. Zusammen mit seinen Geschwistern „Fun“, „Creativity“, und wie sie alle heißen, ist es aus dem Englischen über die Sprachgrenze geschmuggelt und als Wortnutte an die Werbung verkauft worden: „Core“ ist nur eine von vielen, aber um sie tut es mir besonders leid. Denn auch ich werde nicht umhin kommen, ab und zu ihre Dienste in Anspruch zu nehmen.
Was meine ich, wenn ich von „Core“ rede? Nach allem, was in Anzeigen und Magazinen mit der Bedeutung dieses Wortes angestellt worden ist, könnte ich euch einen neongelben Carvingski damit verkaufen. Aber für mich heißt „Core“ vor allem das, was seine Übersetzung suggeriert: Wenn eine Firma „Core Snowboarding“ ist, dann liegt Snowboarden in ihrem Kern. Dann ist sie für Snowboarden entstanden, mit Snowboarden gewachsen und ohne Snowboarden könnte es sie nicht geben. Diese Definition mag manchen Leuten nicht gefallen, denn sie beinhaltet einige Firmen, z. B. die, die mit dem Buchstaben nach dem A beginnt, denen man ungern das Prädikat „Core“ geben möchte. Sie schließt auch Firmen aus, die man gerne mögen würde, zum Beispiel weil sie mit den ganzen coolen Videograss-Fahrern gerade eins der besten Rail-Teams der Welt besitzen.
Trotzdem ist diese Definition, so wie sie ist, richtig und wichtig. Warum? Weil sie einen ganz entscheidenden Unterschied beschreibt. Nämlich den, welche Firma Snowboarden braucht und welche damit nur Geld verdient. Kaum einer arbeitet für Luft und Liebe, das ist klar. Alle wollen ihre Miete bezahlen. Manchmal geht jemand Pleite, ein anderer wächst dafür. So ist der Lauf der kapitalistischen Welt. Und solange es unserer Industrie gut geht, werden die Leute so eklige Pessimisten wie mich immer als unnötigen Störenfried betrachten. Aber auf jeden Boom folgt eine Talfahrt, so wie nach jedem Winter der Sommer folgt. Und wenn die Umsätze schmelzen, dann werden zwei Arten von Firmen zwei verschiedene Dinge tun.
Die einen werden ganz schnell wieder auf die Produktion von Skiern oder Turnschuhen, auf neue Extremsportarten und auf neue Trends umspringen. Sie werden ihr Team und ihre Snowboard-Abteilung mit einem großen, schwungvollen Arschtritt auf die harte Straße der Realität befördern. Diesen Firmen geht es einzig und allein um Geld. Ob sie das mit Snowboards oder Golfschlägern verdienen, ist ihnen egal.
Die anderen werden für Snowboarden kämpfen, weiter Contests organisieren, Teams unterstützen, obwohl es sich nicht mehr rentiert. Vielleicht müssen sie ein paar Stellen streichen, aber sie werden alles dafür tun, dass Snowboarden weiter existiert. Diesen Firmen geht es genauso ums Geld, aber es geht ihnen auch ums Snowboarden, weil sie es brauchen, weil sie „Core“ sind.