Dieser Artikel erschien am 06. November 2009 in der Ausgabe #82 des Pleasure Snowboard Magazins.

Ihr könnt die gesamte Ausgabe übrigens online lesen. Direkt zu diesem Artikel geht es HIER.



Tool Time Pipe
Von Christian Bach

2009/2010 ist nicht irgendeine Saison, es ist eine olympische. Wow, ehrfurchtsvoll verneigen wir uns vor Mr. Rogge und sind voller Demut, dass Snowboarding vom olympischen Komitee immer noch als Sport bezeichnet wird und in den Reigen der „echten“ Sportarten aufgenommen wurde. Das unser Snowboarding dem IOC die höchsten Einschaltquoten im Jugendbereich sichern wird und anschließend übergewichtige Teenies denken, Snowboarding würde nur aus Flips und Spins bestehen, das stört uns erst einmal nicht. Schließlich werden hier Äpfel mit Birnen verglichen. Und Pipefahren, das ist mit oder ohne die fünf Ringe eine der besten Sachen überhaupt. Egal ob auf dem zu erwartenden Doublecork-Level der olympischen Winterspiele, oder auf dem Spaß-Level, welches auf den folgenden Seiten zu bewundern ist. In beiden Fällen geht es um die kurzen Momente der Schwerelosigkeit, die man am höchsten Punkt eines Airs in der Pipe zu spüren bekommt. Wenn man nicht mehr wirklich Höhe macht und die Schwerkraft noch nicht wirklich was zu melden hat, dann kommt dieses Kribbeln im Bauch, das nichts mit Klaus Lage zu tun hat und einfach nur Wahnsinn ist.

Ebenso wenig mit Klaus Lage zu tun hat Christophe Schmidt. Dafür ist er einer der Top-Pipefahrer Europas. Genau der richtige Mann für den Job des Vorturners. Dazu kommt, dass Christophe in Bezug auf Bewegungsanalyse ziemlich weit vorne ist und seine Pipe-Technik dementsprechend sauber und vorzeigbar. Noch ein Argument für ihn. Schließlich sollen hier Bewegungsabläufe aufgedröselt, ins Detail zerlegt und damit verständlich gemacht werden. Eine absolut richtige Technik gibt es deswegen natürlich immer noch nicht. Viele Wege führen nach Vancouver. Basics lernen und verstehen ist aber trotzdem wichtig. Und die sind im Bezug auf Pipefahren nicht unbedingt selbsterklärend. Man steht da vor einer riesigen, zumeist eisigen Wall, sechs Meter Radius auf jeder Seite, und irgendwie kein Plan in Sicht, wie dieser jeweils zu bewältigen wäre. Da werden die Basics dann entscheidend.

Pushen


Zuerst einmal: Pipefahren passiert in den Knien. Transitions sind rund und erlauben deshalb das Pushen. Wie beim Skaten in der Miniramp, nur halt einfach in ziemlich maxi. Pushen wiederum bringt Schwung. In den Knien geht es in die Transition rein, dann wird über die bergseitige Kante ein Hebel gefunden und durch das Durchdrücken der Beine Schwung gemacht. Im letzten Ende der Transition wird der Druck nur mehr gehalten. Denn wenn die Pipe einen guten Shape hat, dann fliegt man nach dem Pushen so aus der Pipe raus, dass man auch genau so wieder am Coping reinkommt. Beim Landen werden die Beine angezogen und wieder Druck über die Kante aufgebaut. Beim Rauspushen aus der Transition nimmt man zusätzlichen Schwung mit, den man auf der anderen Wall gut gebrauchen kann.

Klare Kante

Druck aufgebaut wird über die Kanten des Boards; ein sensibles Thema. Kante ist gut, zuviel Kante ist furchtbar und versaut einem den Air. Grundsätzlich gilt, dass die Kante gerade so sehr belastet werden sollte, dass man mit dem Brett nicht aus der Wall rausrutscht. Zuviel Kante führt ins Verschneiden, das heißt Turns an Stellen, wo man sie nicht haben will, beziehungsweise dazu, dass Nose oder Tail sich kurz in die Wall bohren und dich dann wieder rausschnalzen. Eine Faustregel könnte sein: „Je mehr auf der Base, desto besser.“ Das bringt Schwung und vermeidet das Verschneiden. Und zwar bis ganz oben in den Vertbereich der Pipe hinein. Base, Base, Base!

Linienwahl


Linienwahl ist ein relativ freies Thema. Vor ein paar Jahren konnte man Amis beim Pipefahren an ihrer flachen Linie erkennen, welche ihnen ihre krassen Spintricks erleichterte. Die Euros waren eher auf steilen Linien unterwegs und zeigten viele steil angefahrene Hits mit weniger Spins. Dazwischen standen ein paar Ausnahmetalente und kombinierten krasse Spintricks mit einer steilen Linie und viel Höhe. Letztendlich gewannen die dann auch die Contests, weil sie nicht nur die Tricks, sondern auch mehr Tricks zeigten. Eine steile Linie verlangt einem zwar besseres Pushen und noch mehr Sensibilität auf der Kante ab, dafür holt man aber eben auch mehr Hits aus der Pipe raus – grade wenn man hiked eine gute Idee!

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